Nachruf auf Gaétan Kayitare

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar 2011 starb mein Freund und Genosse Gaétan Kayitare.

Auch wenn er altersbedingt kein Mitglied der linksjugend [’solid] gewesen ist, war er stets interessiert an unserer Arbeit und hat unsere Diskussionsprozesse solidarisch begleitet. Oft habe ich stundenlang mit ihm über die richtigen Strategien und Schwerpunkte diskutiert, nicht selten wollten die Diskussionen nicht enden und ich musste mich förmlich losreißen. Sein unerschütterliches Vertrauen in die Jugend, die „Flamme der sozialistischen Revolution“, ist nur eines von vielen charakteristischen Merkmalen. Immer stand er kompromisslos auf der Seite der Unterdrückten und Ausgebeuteten, der ArbeiterInnenklasse.
Ich lernte ihn vor etwa 10 Jahren, mit 12 oder 13, kennen. Seitdem verging kaum eine Woche, in der ich ihn nicht besuchte und meist ewige, aber sehr fruchtbare, Diskussionen mit ihm führte.
Sein Verlust ist für mich persönlich sehr schmerzhaft. Doch viel größer ist der politische Verlust: Mit ihm hat die linke Bewegung ein Schwergewicht verloren, dessen politisches Gewicht sein körperliches weit in den Schatten stellt.
Oft war Gaétans Wohnung mein Rückzugsraum und er selber Halt, wenn es mir schlecht ging. Bei mehreren Trauerfällen bin ich spontan zu ihm gegangen. Er hatte immer vollstes Verständnis für Trauer und Schmerz und bestand darauf, dass ich mir die für mich nötige Zeit nehmen sollte. Und zusätzlich half er mir bei der Bewältigung der Schmerzen. Dabei schaffte er es aber immer auch, die Perspektive auf bessere Zeiten aufrecht zu erhalten und anzufeuern. Noch Stunden vor seinem Tod hat Gaétan mit GenossInnen über die Perspektiven der Revolution in Nordafrika und dem arabischen Raum diskutiert, Ereignisse, die seine Perspektiven und Hoffnungen bestätigen.
Jetzt hat er die rote Fahne an uns weitergegeben. Wir sollten trauern, aber vor allem müssen wir – auch in seinem Gedenken – den Kampf weiterführen. Für ein besseres Leben – für sozialistische Demokratie!
Chris Walter, Sprecher der linksjugend [’solid] Aachen
Am 13. März wird es eine Trauerfeier in Aachen geben. Wer daran teilnehmen möchte, kann hier Ort und Zeit erfragen:

linksjugendsolid-aachen@gmx.de

Außerdem rufen wir euch zum Spenden auf, um die Trauerfeierlichkeiten zu ermöglichen. Sollte mehr Geld gespendet werden, als für die Trauerfeierlichkeiten benötigt wird, wird es für politische Arbeit in Gaétans Sinne verwendet.
Spenden bitte auf folgendes Konto:
Kontoinhaber: Anneliese Stanicic
Kontonummer: 000 527 68 60
Sparkasse Aachen, BLZ: 390 500 00
Verwendungszweck: Sonderfonds Gaétan
Wir dokumentieren hier einen Nachruf von Sascha Stanicic, (Bundessprecher der SAV, in der auch Gaétan organisiert war) langjähriger Freund und Genosse von Gaétan.
Wir haben einen außergewöhnlichen Menschen verloren

Ein Nachruf zum Tod von Gaétan Kayitare

Es gibt Menschen, die sollten hundert Jahre alt werden. Sozusagen aus objektiven Gründen. Weil sie die Fähigkeit haben andere Menschen zu inspirieren. Gaétan Kayitare war ein solcher Mensch. Aber er ist nicht hundert Jahre alt geworden. Gaetan ist am 27. Februar gestorben und wir wissen nicht einmal genau, wie alt er war. Geboren in Rwanda in Zentralafrika, kannte er sein genaues Geburtsdatum nicht. Er war wohl Mitte sechzig.

Von Sascha Stanicic

Gaétan war seit 1982 Mitglied der SAV bzw. der Vorläuferorganisation „Voran“ und hatte wesentlichen Anteil daran, die Aachener Gruppe zu einer Hochburg der Organisation aufzubauen. Er war Mitglied im Bundesvorstand, arbeitete viele Jahre Vollzeit für Voran und SAV und einige Jahre davon tageweise in der Bundeszentrale, war mehrmals Delegierter zum Weltkongress des Komitees für eine Arbeiterinternationale. Doch all solche Funktionen und Tätigkeiten können nicht ausdrücken, welche Rolle er gespielt hat und welche Bedeutung er für unzählige junge Menschen hatte, die gegen den Kapitalismus rebellieren wollten und auf der Suche nach Erklärungen und Perspektiven waren.

Ich lernte Gaétan 1986, mit 16 Jahren, kennen. Von der ersten Begegnung an, übte er eine faszinierende Ausstrahlung auf mich aus. Man spürte sofort, hier hatte man es mit einem unerbittlichen Kämpfer zu tun. Seine Waffen waren seine Worte. Und selbst, wenn man diese aufgrund des Tempos und des Akzents, in denen er sie abfeuerte, nicht immer hundertprozentig verstand, trafen sie seine politischen Gegner und seine politischen Freunde gleichermaßen ins Herz. Es ist keine Übertreibung, wenn ich schreibe, dass meine politische Entwicklung zum Marxisten niemand so sehr beeinflusst und geprägt hat, wie Gaétan Kayitare. Ohne ihn wäre ich ein Anderer geworden. Ich zog es an nicht wenigen Tagen vor, mich von ihm vormittags in seiner Küche in Marxismus, Geschichte der Arbeiterbewegung und dialektischem Denken unterrichten zu lassen, als zur Schule zu gehen. Ich weiß nicht wie oft wir morgens zusammen vor einer Schule oder einem Betrieb Flugblätter verteilten oder unsere Zeitung anboten und danach stundenlang diskutierten, oder besser: ich ihm stundenlang zuhörte. Und diesbezüglich war ich unter den jungen GenossInnen in Aachen keine Ausnahme.

Gaétan hat sehr viele Menschen nachhaltig geprägt und jeder, der ihn kennen lernte, behielt ihn in Erinnerung. 1998 wurde er als Teil einer internationalen Delegation des Komitees für eine Arbeiterinternationale nach Schottland geschickt, um in dem Fraktionskampf in der dortigen Sektion mitzudiskutieren. Gaétan prophezeite den schottischen GenossInnen, die sich von den Positionen des CWI“s entfernten, dass sie im Reformismus landen werden. Er sprach immer seine Überzeugungen direkt und unverhohlen aus. Doch die SchottInnen liebten und respektierten ihn und sprachen nur in höchsten Tönen von den Gesprächen mit ihm. Vielleicht auch weil sie erkannten, dass sie es mit einem echten Internationalisten zu tun hatten. Kaum einer lebte den Internationalismus wie er.

Dabei war er nicht nur ein Mann des Wortes, sondern vor allem auch ein Mann der Tat, ein Aktivist, der sich keine Demonstration, keinen Streik entgehen ließ. Er war Teil so ziemlich aller Bewegungen, die in Aachen in den letzten dreißig Jahren stattfanden. Ob in Kampagnen gegen Prestigeprojekte in seinem Stadtteil in Aachen-Nord, im Solidaritätskomitee für die Bergarbeiter von Sophia Jacoba, im Kampf gegen Nazis und Rassismus, beim Aufbau der WASG und dann, durch seinen Gesundheitszustand schon stark eingeschränkt, der Partei DIE LINKE. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Er war zweifelsfrei ein Mensch, der polarisierte. So sehr ihn die einen liebten, so sehr fürchteten ihn die anderen. Die Aachener CDU ließ sich 1999 sogar dazu herab, ihn wegen antirassistischer Aktionen vor dem lokalen CDU-Büro des Terrorismus zu verdächtigen. Die CDU wollte ihm die deutsche Staatsbürgerschaft verweigern! Sie kamen damit nicht durch.

Aber auch innerhalb der Arbeiterbewegung und der Linken, inklusive der eigenen Organisation, war Gaétan immer für eine ordentliche Polemik zu haben und nicht selten redete er seine Widersacher buchstäblich an die Wand.

Dann dachte man auch hin und wieder, wie stur er doch ist. Aber oftmals stellte sich seine Sturheit als Stolz, Prinzipienfestigkeit und Weitblick heraus. Seine vorzüglichsten Charakterzüge waren dabei das Verschmähen einer jeden Form von Anpassung und faulen Kompromissen und seine herausragende Fähigkeit zu dialektischem Denken.

Ich kenne kaum einen Menschen, der die Dialektik so sehr verkörperte, dem sie so in Fleisch und Blut übergegangen war, wie ihn. Dialektik, das Begreifen aller Phänomene in ihrer Widersprüchlichkeit und ihrer Entwicklung, war bei ihm kein trockener Lehrsatz, sondern in jeder Situation angewandte Denkweise und Erkenntnistheorie.

Gaétan gehörte zur älteren Generation in der SAV, aber den Draht zur Jugend hat er nie verloren. Wahrscheinlich war es die Tatsache, dass er ein großes Herz hatte und die jungen Leute ernst nahm. Und dass er immer revolutionäre Energie, einen unerschütterlichen Optimismus und das Vertrauen in die Kraft der Arbeiterklasse, die Welt zu verändern, ausstrahlte, was Jugendliche dazu veranlasste, ihn zu mögen und seine Nähe zu suchen.

Er war Revolutionär im besten Sinne des Wortes. Der Kampf für soziale Rechte, gegen Ausbeutung und Diskriminierung, für eine sozialistische Zukunft stand bei ihm an erster, zweiter und dritter Stelle. Darüber hat er sich selber und seine Gesundheit leider vernachlässigt, trotz aller Versuche von seinen GenossInnen ihn dazu zu bewegen, mehr auf sich zu achten. In den letzten Jahren häuften sich chronische Krankheiten und gesundheitliche Probleme, die ihn immer mehr an seine Wohnung fesselten und seine Aktivitäts- und Mobilitätsmöglichkeiten einschränkten. An bundesweiten Zusammenkünften der SAV konnte er seit zwei Jahren nicht mehr teilnehmen. Seine kleine Wohnung wurde zum Treffpunkt der Aachener GenossInnen, wo unter permanenter Kaffeeproduktion diskutiert und beraten wurde. Seine Kräfte haben immer mehr nachgelassen und trotzdem hat er nicht aufgehört, sich in Debatten einzubringen und wichtige Ideen beizusteuern. Noch im letzten Herbst suchte er die Diskussion über die veränderte Weltlage nach dem Ausbruch der „großen Rezession“ und zu der Frage, welche Schlussfolgerungen MarxistInnen daraus zu ziehen haben. Für ihn war klar, dass Massenbewegungen auf der Tagesordnung stehen, die die Machtfrage aufwerfen würden, selbst wenn die Arbeiterklasse diese aufgrund der Schwäche ihrer Organisationen noch nicht beantworten kann. Für ihn bedeutete das aber, nicht auf die Perspektive und die Forderung nach der Bildung von Arbeiterregierungen zu verzichten. Sondern im Gegenteil, diese aufzuwerfen und zum Ausgangspunkt für eine Debatte über die Notwendigkeit des Aufbaus sozialistischer Arbeiterparteien zu nehmen. Die Ereignisse in Tunesien und Ägypten bestätigten diese Ansicht innerhalb weniger Monate.

Obwohl viele von uns ahnten, dass es kritisch um ihn steht, kam sein Tod zu diesem Zeitpunkt unerwartet. Er selber und wir, die wir ihm nahe standen und ihn bei seinen gesundheitlichen Schwierigkeiten begleiteten und zu helfen versuchten, haben die akute Ernsthaftigkeit seines Gesundheitszustandes unterschätzt. Wir hatten gerade erst viele Maßnahmen diskutiert, damit Gaétan wieder einen Anlauf für eine Verbesserung seiner Gesundheit hätte nehmen können. Zu spät. Die Nachricht von seinem Tod war wie ein Schlag in die Magengrube, man kann nicht mehr atmen, fühlt sich wie gelähmt. Erst langsam funktioniert der Organismus wieder und man realisiert, was geschehen ist.

Eine Genossin der Berliner SAV schrieb mir: „Gerade jetzt, nach diesen 20 Jahren Reaktion, in denen er immer die Fahne hochgehalten hat. Und dann gerät die Welt in Bewegung … Das ist ein Verlust, dafür gibt es gar keine Worte.“

Wenn Gaétan uns jetzt in unserer Trauer und Fassungslosigkeit sehen und zu uns sprechen könnte, würde er wahrscheinlich etwas verärgert sagen, dass wir doch alle wussten, dass er nicht besonders alt werden würde. Und dass wir das fortsetzen sollen, was er so gerne fortgesetzt hätte: den Herrschenden in die Suppe spucken, keine Ungerechtigkeit durchgehen lassen, weiter kämpfen! 

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