Die beschissene Situation der HARTZ-IV-Betroffenen! Ein Erlebnisbericht unseres AK-Kollegen Ralph Quarten!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unser Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis- (AK) Mitglied Ralph Quarten (http://www.ak-gewerkschafter.de/?s=ralph+quarten) hat sich aufgrund der erdrückenden Situation für die HARTZ-IV-Betroffenen, zu denen er selbst zählt und der HARTZ-IV-Politik (http://www.ak-gewerkschafter.de/category/hartz-iv/) insgesamt, dazu entschlossen, seinen persönlichen Erfahrungsbericht zu Eurer aller Kenntnisnahme auf unsere Homepage posten zu lassen.

Dazu hat ihn besonders der Artikel des Kollegen Fred Maintz vom 29.08.2015 inspirieret, den Ihr durch den Klick auf den nachstehenden Link direkt noch einmal aufrufen könnt:

http://www.ak-gewerkschafter.de/2015/08/29/hartz-iv-tricks-der-jobcenter-bei-zwangs-massnahmen-fred-maintz-informiert/ !

Diesem Wunsch des Ralph sind wir gerne nachgekommen und haben seinen Bericht nachstehend in ungekürzter Fassung auf unsere Homepage gepostet.

Für den AK Manni Engelhardt –Koordinator-

http://2.bp.blogspot.com/_8WoC4mYjd9w/R6IgVnaPguI/AAAAAAAAAoI/tyTi9jUrzE4/s400/hartz-betrug.gif

(Poster aus: http://ansorde.blogspot.de/2008_01_01_archive.html)

Ralph Quarten berichtet:

„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,,

der eine oder andere mag meine Vitae ja schon ansatzweise kennen.
Auch wenn ich mich schon über Jahre hinweg in einem Beschäftigungsverhältnis befinde,
in welchem ich mich nach wie vor bemühe, in einen Wochenarbeitszeitbereich
zu gelangen, der es mir ermöglicht die von mir
bewusst gering gehaltenen Aufstockungsbeträge für Miete von 200 € / Monat des Jobcenters obsolet zu machen.
Zur Hintergrunderklärung: Real sind es 230 € die ich für die Untermiete bei meinen Eltern bezahle und die in keiner Weise nach heutigem Mietindex gewinnbringend angesetzt ist! Im Gegenzug bin ich für meine gesundheitlich eingeschränkten Eltern in vielen alltäglichen nichtmateriellen Anschaffungen da!
Meine Arbeit macht mir Spaß, dennoch bekomme ich bei solchen Reportagen –
höflich gesagt, das blanke Grauen, weil die Wunden aus Zeiten der Arbeitslosigkeit –
auch nach all den Jahren tiefer sind, als ich gedacht habe.
Es ist einmal der Verlust einer gewissen Reputation in einer meist
neoliberalen geprägten Gesellschaft aufgewachsen zu sein, und plötzlich
ganz ohne Arbeit da zu stehen.
Schnell drückt die Last der Stigmatisierung wieder auf einem – auch weil es
zuvor eine Zeit ganz ohne Arbeit gab…!
Man sucht schnell die Gründe nur bei sich selbst.
In dem von mir gelernten Beruf war ich zwar einer der Jahrgangsbesten,-
dennoch sucht man an sich weiter nach Kritikpunkten z. B. wie war mein Auftreten gegenüber Kunden, Kollegen und Vorgesetzten? Dabei gerät man in einen Teufelskreis der sozialen Abschottung! Und wehe dem, der jetzt keine Freunde und/oder
Familienangehörige besitzt, die einem aus diesem Loch herausziehen helfen!
Nur durch Zufall bin ich noch rechtzeitig einer Person des AK begegnet,
der mir mit der gewissen Geduld zu vermitteln wusste, das nicht nur der
Fehler bei mir zu suchen ist, sondern auch in den heutigen gesellschaftlichen Strukturen des Arbeitslebens.
Wohl jedem, der in der heutigen Zeit sich diverser Plattformen im Internet,
welche die Agenda 2010 kritisieren (auch unser Arbeitskreis), anschließt
und hinter die Fassaden vieler heutiger Arbeitsmarkstrukturen schaut.
Hier werden auch solidarische Vernetzungen gepflegt, welche am Ende
zu organisierten Petitionen, Streiks u.ä. führen.

Doch möchte ich nochmals auf den Youtube-Link zurückkommen, in dem es um
verschönernde Statistiken und unrentable Maßnahmen geht:

Als ich damals erneut zu einer Sprechstunde in das Jobcenter geladen wurde,
waren die 1€ – Jobmaßnahmen noch ziemlich neu. Aufgrund meiner
ausweglosen Lage, in meinen gelernten Job mich zurück zu integrieren, bat ich
den Fallmanager um einen 1€ Job, mit dem Ergebnis, dass nach ca. 2 Wochen ein
Angebot eintrudelte – Es war sogar ein scheinbar gemeinnütziges Angebot im
Bereich der öffentlichen Grünflächenpflege, die von mir erwünscht und auch schon in den
90ern ( damals noch als gut bezahlte ABM) praktiziert wurde.
Nun begab ich mich zu der Sportstätte, in der es nun galt, einer großen
Menge Unkraut und Wildwuchs Herr zu werden. Es war schon eine Ablenkung für
mich aus den täglichen o.g. Grübeleien – auch die Sportstätten Inhaber waren zuvorkommend und es gab – bei den zurzeit winterlichen Verhältnissen sogar morgens und mittags ein
Tässchen Kaffee im Clubheim – wozu der Inhaber rein theoretisch nicht zu
verpflichtet gewesen war.
Aufgrund eines neuen Jobangebots beendete ich nach gut 3 Monaten die
Maßnahme und erfuhr nach gut einem Jahr, dass die gesamte Sportstätte
einem bedeutend wichtigerem Objekt (Ich denke, viele Aachener wissen
welches?!) weichen musste und an neuer Stelle erbaut wurde.
Jetzt stellt sich hoffentlich nicht nur mir die Frage, ob das Jobcenter
sich dieser “ gemeinnützigen Maßnahme“ bewusst war…?

Auch ich kann des Weiteren über die klassischen Bewerbungstrainingsmaßnahmen berichten, in denen den Teilnehmern schon zu Beginn des Kurses von den jeweiligen Tutoren jegliche Illusionen genommen werden und wurden, nur aufgrund der richtigen Form des Bewerbungsschreiben eine prekäre Vitae auszulöschen und so begab es sich, das wieder einmal eine Bildungsstätte für eine minimalistische Schulung einen Haufen Geld
einsackte und die Teilnehmer mehr oder weniger aktiv eine topaktuelle DIN
5008 Bewerbung aus dem Drucker jagen konnten.

Der Knüller – auch kostentechnisch – war die dreimonatige stationäre
Unterbringung in einem Berufsbildungswerk zu einer Berufsorientierungsmaßnahme. Auch hier erfasst mich rückwirkend, meinen Fall reflektierend, das blanke Grauen – nur damals, mit meinen 19 Jahren wollte und konnte ich dem Arbeitsamt keine Alternativvorschläge unterbreiten.
Ich war untergebracht in fiktiven Büros und in internen Werkstätten.
Nicht nur ich, sondern zum Abschlussgespräch auch die Maßnahmen-Leitung des
Werks waren sich einig, dass ich ins Profil einer Behindertenwerkstätte
nicht passte.
Dieses Ergebnis, was wahrhaftig die vollen drei Monate in Anspruch nehmen
musste, konnte ich dann auch meinem Fallmanager nahebringen.

Werte Kolleg/Innen, werte Leser/Innen, sollte ich demnächst nochmal aufgrund solch
eines Artikels, die gute Laune besitzen, um aus meiner, vom Prekariat
geprägten Historie zu berichten, was eigentlich zu Mobilisierungs-Zwecken
häufiger geschehen sollte, werdet Ihr dies an dieser Stelle finden.

Vielleicht können ja auch indirekt Betroffene oder auch Mitarbeiter der
ARGE einen Artikel Posten oder Kommentar hinterlassen, denn auch diese haben
oft ihr mehr oder weniger ´schweres Päckchen´ zu tragen!
Dieser Artikel soll keinesfalls Mitarbeiter der ARGEn persönlich
diskriminieren, er schaut eher über den arbeitsmarkpolitischen und sozialpolitischen
Tellerrand.

Mit kollegialen und solidarischen Grüßen

Euer

Ralph Quarten“

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