Dinarin Aleksandar Nikolic führt uns in das Reich des Kapitalismus mit seiner Erzählung: „Der Fabrikant“!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zum Wochenausklang halten wir es als Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis (AK) wieder für angezeigt, Euch eine sowohl tiefsinnige als auch spannende Erzählung unseres AK-Mitgliedes, dem Schriftsteller Dinarin Aleksandar Nikolic (http://www.ak-gewerkschafter.de/?s=dinarin+aleksandar+nikolic), zu präsentieren.

Diese Geschichte führt uns in das Land des Kapitalismus wo Fabrikantinnen und Fabrikanten paradiesische Verhältnisse in Bezug auf das Geldscheffeln vorfinden. Dort stehen ihnen nämlich sogenannte „(Geld-) Dukaten-Esel“ zur Verfügung. Ob diese Reichen darin ihr Glück finden, mag nach dem Lesen dieser Story jede/r geneigte/r Leserin und Leser für sich beurteilen. Vor allen Dingen stellt sich dann auch die Frage, wer die „(Geld-) Dukaten-Esel sind, die sich so willfährig benutzen lassen.

Wir wünschen Viel Spaß beim Lesen.

Für den AK Manni Engelhardt

http://www.dreifaltigkeit-altdorf.de/eselein_streck_dich.jpg

(Karikatur aus: http://www.dreifaltigkeit-altdorf.de/zitate_geld.htm)

„Der Fabrikant“ – Eine Erzählung von Dinarin Aleksandar Nikolic

Es geschah in einer großen deutschen Stadt, die gerade aus den Ruinen, die der 2. Weltkrieg hinterlassen hatte, auferstanden war. Nicht ganz – noch waren vereinzelt deutliche Spuren zu sehen aber das war eine Frage einer kurzen Zeit.

Das vielgerühmte deutsche Wirtschaftswunder begann. Die Menschen, nach den Kriegsjahren, den Jahren der Entbehrung, des Hungers, des alltäglich gegenwertigen Todes, waren beflügelt. Sie blickten nach vorne und viele waren überzeugt, am Horizont das goldene Zeitalter erkennen zu können. Der Wiederaufbau, die Möglichkeit von vorne beginnen zu können und Neues schaffen zu können, verlieh den Menschen zusätzlichen Antrieb.

Nun – diese deutsche Großstadt brodelte geradezu – überall geschäftiges Treiben – überall Baulärm und der Verkehr, der zum Kriegsende zum Erliegen gekommen war, begann wieder zaghaft.

Nicht jedoch so in einer kleinen Oase der Ruhe, nahe des Stadtzentrums. In diesem kleinen Park war der Lärm nur gedämpft zu hören und schien weit weg. Erst kurz zuvor wurde dieser Park vom Schutt des Krieges befreit und neu aufbereitet. Der vergangene Frühling jenes fernen Jahres, hatte alles neu erblühen lassen und ein sattes, saftiges Grün dominierte. Sitzbänke wurden installiert und luden zum Verweilen ein. Trotzdem war kein Mensch im Park. Die Menschen waren zu beschäftigt und nutzten den Park allerhöchstens als Abkürzung, die sie hastig durcheilten.

Jedoch, auf einer vom Hauptweg entfernten Bank saßen zwei Freunde. Ich nenne Ihre Namen nicht, denn das, was ich berichten werde, geschah nicht nur den Beiden, sondern geschah vielen, vielen anderen und geschieht immer noch. Beide waren mittleren Alters, der Eine jedoch einige Jahre älter als der Andere. Sie kannten sich schon etliche Jahre und verstanden sich gut. In jenen Jahren der Vollbeschäftigung war es ungewöhnlich, dass beide arbeitslos waren. Dennoch ist es zu erklären, denn beide passten nicht in das Schema des deutschen Nachkriegsarbeitnehmers. Um es mit den Worten des damaligen Arbeitsamtes und heutigen JOB-Centers zu sagen – sie galten als „nicht vermittelbar“. Beiden tat das nichts, denn die Sozialsysteme hatten gegriffen und beide hatten jeweils eine kleine Wohnung, Nahrung und Getränke, Kleidung und konnten sich sogar, damals sehr preiswerte Zigaretten leisten.

Die beiden trafen sich schon morgens auf der Bank und gingen am Spätnachmittag nach Hause, um sich am kommenden Morgen erneut auf der Bank zu treffen. Über den Tag gönnten sie sich das eine oder andere Bier, besprachen alles Mögliche und vor allen Dingen gab es nichts, was sie entbehrt hätten. Man kann sagen, sie genossen das Leben und jeden einzelnen Tag.

So verging jener Sommer, jenes fernen Jahres.

Dann kam der Herbst. Der goldene Oktober bescherte noch viele warme Tage und an einem dieser Tage, die beiden Freunde trafen sich wie gewöhnlich auf der Bank, fiel dem älteren eine fast unmerkliche Veränderung im Gesicht seines Freundes auf. Er war nicht wie sonst. Der Ältere sagte nichts, aber der Andere begann zu erzählen:

„Sieh mal, überall um uns herum gehen die Menschen einer Beschäftigung nach. Das alte ist vergangen und eine neue Zeit kommt auf uns zu mit phantastischen Möglichkeiten. Die Menschen sind hingerissen und haben Visionen über den eigenen Aufstieg und Erfolg und versuchen sie umzusetzen. Sie haben sich sinnvolle Aufgaben gegeben. Sie erschaffen Neues, dass viel besser ist als das Alte. Alles das geht an uns vorbei.“

Der ältere, der zuvor schon eine Ahnung und Befürchtung hatte, erkannte dass beides bestätigt wurde und fühlte Sorge um seinen Freund in sich aufsteigen.

Er erkannte eine Verwirrung beim Freund und versuchte ihn herauszuholen.

Er sagte:

„Kannst du dich an dieses alte Jugendstilhaus gegenüber dem Park erinnern? Es war phantastisch gebaut und gestaltet. Du hast es sehr gemocht und warst sehr betroffen, als sie es abgerissen haben. Jetzt haben sie ein kaltes nichtssagendes Gebäude aus Beton hingesetzt. Man kann nicht sagen, dass Neues, dieses hochgelobte Neue, besser sei als das Alte.“

Der Andere ließ nicht locker, er wurde nur verbissener:

„Aber der Fortschritt ist wichtig, die Entwicklung in der Technik. Was ist in den letzten hundert Jahren entwickelt worden? Wenn jeder wie du denken würde, wären wir auf dem Stand von vor hundert Jahren.“

„Oft erwecken Dinge einen Anschein und dennoch ist es absolut anders, als der Anschein suggeriert.“ Sagte der Ältere.

Der Andere schwieg eine kurze Weile, um dem Gespräch eine für ihn vermeintlich günstige Wendung zu geben:

„Ich habe fast die ganze Nacht gegrübelt und bin zu einer Entscheidung gekommen. Ich will an der Entwicklung teilhaben. Ich will meinem Dasein ein Ziel geben. Ich will Erfolg. Ich will vor allem Geld, mit dem ich weitere Ziele erreichen kann.“

Der Ältere schwieg – er hatte erkannt, dass – um es so zu sagen – es seinen Freund erwischt hat. Und aus Erfahrung wusste er, dass er nichts tun kann.

„Wir kennen uns schon so viele Jahre“ begann der Andere „und mir ist bekannt dass du viel erlebt hast und viel weißt und in vielen Dingen Erfahrung hast. Daher kannst nur du mir helfen und mich auf den Weg bringen, den ich gehen will. Bitte hilf mir einen Anfang zu finden.“

Der Ältere, der bereits befürchtet hatte, dass der Freund genau dieses Anliegen hatte, war nicht in der Lage und wollte auch nicht gegen den Willen seines Freundes vorgehen. Von einer tiefen Trauer befallen, willigte er ein.

Sie verabredeten sich für den kommenden Morgen, an dem der Existenz Gründer, um ihn mal so zu nennen, einen Wertgegenstand mitbringen sollte.

Am kommenden Morgen wies der Ältere den Jungunternehmer an, ihm zu folgen. Dieser hatte den goldenen Schlüsselanhänger, den ihm der Großvater hinterlassen hatte bei sich.

Die Trauer des Älteren war über Nacht verschwunden – er wusste, dass jeder das eigene Schicksal wählt und dass es zwecklos ist zu hadern.

Jene große, deutsche Stadt hat auch ein großes Zentrum und einen Altstadtbereich, der aus Vierteln bestand die durch viele kleine Gassen durchzogen waren. Jahrhunderte alte Häuser drängten sich dicht aneinander. Hier schien die Zeit im Mittelalter stehen geblieben zu sein.

Die beiden erreichten nach einer längeren Weile einen kleinen Marktplatz und an der Stirnseite des Marktes war im Eckhaus das Antiquariat, in dem der goldene Schlüssel-anhänger verkauft werden sollte.

Sie betraten den Laden und das Glockenspiel an der Tür kündigte ihre Ankunft an. Beide sahen sich um. An den Wänden standen Bücherregale, vollgestopft mit Büchern aber auch Vitrinen mit allerlei Kuriositäten und Schmuck und davor ein Schaukelpferd, dem das hohe Alter anzusehen war.

Gleichzeitig blickten beide in die gleiche Richtung, in den rückwertigen Bereich des Ladens und entdeckten einen großen Schreibtisch, hinter dem eine Gestalt (anders lässt es sich nicht sagen) saß, die eine sehr unangenehme, geradezu beängstigende Ausstrahlung hatte. Er hatte eine gelblich-graue Gesichtsfarbe und geradezu stechende Augen. Er wendete sich an den Älteren und fragte:

„Was kann ich für sie tun?“

„Für mich? Nichts, nichts, gar nichts, ich begleite nur meinen Freund.“

Antwortete dieser sehr erschreckt.

Der Antiquar wendete sich zum Anderen, der wie ein Schuljunge, verlegen vor dem großen Schreibtisch stand, den goldenen Schlüsselanhänger in der Hand haltend.

„Ich, ich will verkaufen.“

Beeilte er sich zu sagen.

Der Antiquar musterte ihn eindringlich und sagte:

„ich bin sicher, dass ihnen das, was ich sagen werde, genau bekannt ist, trotzdem werde ich es erwähnen:

„Diese Art von Geschäft, wenn es denn beschlossen wird, gilt für immer, es gibt keine Möglichkeit der Rückabwicklung und ist somit endgültig. Das müssen sie sich vergegenwärtigen.“

„Das ist mir bekannt und ich will diesen Weg gehen, das ist meine freiwillige Entscheidung.“

„Das ist gut, denn dieses Geschäft kann nur aufgrund des freien Willens zustande kommen.“

Sagte der Antiquar und streckt die Hand aus. Der Verkäufer legte ihm den Goldenen Anhänger in die Hand.

„Das ist ein sehr interessantes Stück, ich werde ihnen einen angemessenen Preis zahlen.“

Er öffnete eine Schatulle und entnahm eine Münze, die er dem Verkäufer gab. Es war ein D-Mark Stück. Kurz zuvor, nach der Währungsreform war Die D-Mark als Währung eingeführt worden.

Der Verkäufer sah die Münze in seiner Hand, war sehr enttäuscht und gerade als er lautstark protestieren wollte, sagte der Antiquar:

„Sein sie nicht enttäuscht, ich sagte sie bekommen den angemessenen Gegenwert. Diese Münze ist ihre erste eigene Mark und ist das Fundament für die erste eigene Million. Beginnen sie ihr Geschäft mit dieser Münze und arbeiten sie sehr hart – aber nur für wenige Jahre und sie werden ein finanzielles Fundament haben, um dann wirklich große Geschäfte betreiben zu können.“

„Ach – Ja!!!“

„Wollen sie das Geschäft besiegeln?“

„Ja selbstverständlich, deswegen bin ich ja hier!!!“

„Nur noch eine Formalität“, sagte der Antiquar, holte aus dem Regal, in dem sehr viele, genau gleiche Schachteln gestapelt waren, eine heraus und öffnete sie. Sodann vollführte er mit seiner rechten Hand eine Bewegung in Richtung des Verkäufers, als ob er eine Fliege fangen wollte und legte die geschlossene Faust in die Schachtel, öffnete die Hand und zog sie heraus. Sorgfältig legte er den Deckel auf und stellte die Schachtel in das Regal.

„Zum Schluss folgendes“, sagte der Antiquar. “Es gibt bestimmte Regeln zu beachten, allerdings werden sich diese ihnen von alleine erschließen und zwar bevor sie das erste Geschäft mit ausschließlich dieser Münze abwickeln.“

Eine Spannung und Aufregung hatten den Verkäufer ergriffen und er rief:

„Ich werde sofort beginnen.“

Er stürmte geradezu zur Tür, ließ seinen Freund stehen, verabschiedete sich nicht einmal, verließ den Laden, sah sich nicht einmal um und verschwand sozusagen.

Der Ältere verließ langsam diesen unseligen Ort, sehr betroffen von dem Ereignis, blieb kurz vor der Tür stehen und hörte noch im Laden ein schreiendes, schrilles und grässliches Lachen und entfernte sich zügig von diesem Ort.

Schon am nächsten Morgen, der goldene Oktober bescherte einen weiteren herrlichen Tag mit wundervollem Wetter, ging der Ältere in den Park und genoss das Leben in vollen Zügen. Vor allem die Ereignisse vom Vortag haben erneut bestätigt, dass er genau richtig handelt. Er war schon immer gegenwärtig im Hier und Jetzt und blickte ausschließlich nach vorne, niemals zurück.

Der andere hingegen kaufte-verkaufte, kaufte-verkaufte, kaufte dann immer mehr um immer mehr verkaufen zu können.

Er arbeitete hart, kämpfte hart um jeden Pfenning und sparte jeden Pfenning, wo es nur ging.

Man könnte sagen, er ehrte den Pfenning, um des Talers wert zu sein und er betete den Mammon an.

Und tatsächlich, wie ihm gesagt wurde, schon nach drei Jahren hatte er das finanzielle Fundament erwirtschaftet. Er hatte sogar noch mehr als die erste Million. Er rechnete Hin und Her und entschied, den die Million übersteigenden Betrag für sich zu verwenden. Nach den Jahren voller Entbehrungen konnte er sich den einen oder anderen Traum erfüllen, hatte aber unbedingt den Willen, bescheiden zu bleiben. Er kaufte sich einen neuen Mittelklassewagen. Dass er auch noch ein kleines Haus kaufte, lag nur da dran, dass Immobilen als sichere Anlageobjekte galten, mit denen auch satte Renditen realisiert werden konnten.

Dann begann der zweite Abschnitt seines unternehmerischen Handelns. Im Schrotthandel erkannte er die Gunst der Stunde. Die boomende Wirtschaft verlangte nach Stahl. Mit dem Kapital von einer Million ausgestattet, konnte er investieren. Er kaufte eine Schrottverwertung und erarbeitete sich das Vertrauen eines Stahlwerkes, das er fortan belieferte.

Es ist nicht bekannt, warum gerade dieses Stahlwerk vollkommen unerwartet zahlungsunfähig wurde, Tatsache ist, das unser Existenzgründer in der Lage war, das Stahlwerk zu kaufen. Somit wurde er zum Fabrikanten

Ohne weitere Erklärungen, das Ergebnis war ein Wirtschafts-Imperium, zu dem verschiedene Unternehmungen gehörten, die auf unterschiedlichen Märkten operierten.

Unser Fabrikant erkannte, dass sich das damals im Antiquariat gesagte erfüllt hatte und zwar in einer kurzen Frist von etwa zehn Jahren. Er hatte eine Armee von Angestellten, die sein Vermögen enorm wachsen ließen.

Ein Jahr nachdem er das Stahlwerk übernommen hatte, hatte er seine Sekretärin geheiratet.

Der andere hingegen saß, wenn das Wetter es zuließ, immer im Park. Im Frühling genoss er besonders den Gesang der Vögel.

Für so etwas hatte der Fabrikant keinen Sinn, weil damit kein Mehrwert generiert werden konnte. Er bewohnte mittlerweile eine riesige Villa am Stadtrand. Der Fahrer holte ihn morgens ab und der Weg zum Büro führte an jenem besagten Park vorbei. An einem Morgen sah der Fabrikant zufällig aus dem Fenster und sah tatsächlich seinen Freund aus früheren Jahren auf der gleichen Parkbank sitzen. Der dachte, sieh mal an – was ist aus mir geworden und was ist aus ihm geworden. Er sitzt da immer noch wie ein Penner und ich habe nach wenigen Jahren schon ein riesiges Vermögen angehäuft.

Und dann dachte er noch:

Ja, früher habe ich gedacht, er sei viel klüger als ich. Er wusste auch viel, aber es hat sich herausgestellt, dass ich überlegen bin, wie die Tatsachen beweisen.

Für den Fabrikanten wurde es geradezu zum Ritual auf der morgendlichen Fahrt zum Büro, nach dem ehemaligen Freund Ausschau zu halten – und er sah ihn regelmäßig und oft. Aus diesem Ritual zog er fortwährend die Bestätigung, dass er auf dem rechten Weg sei.

So verging Jahr um Jahr.

Mittlerweile waren dreißig Jahre vergangen, seitdem unser Fabrikant den eigenen Weg von der Parkbank weg angetreten hat.

Es war Frühling. Die Natur erblühte aufs Neue. Und gerade in diesem Frühling, an diesem phantastischen Frühlingstag, eröffnete der Arzt dem Fabrikanten, dass diese Krankheit die ihn befallen hat, binnen kürzester Frist zum Tode führt. Sie sei nicht zu behandeln und daher unheilbar – hat er dem Fabrikanten noch gesagt.

Das einzige, was er ihm noch empfehlen könne, wäre das er seinen Nachlass ordnen solle.

Für den Fabrikanten war es wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf.

Unwillkürlich begann er sei gesamtes Dasein zu bilanzieren. Und es kam raus, was ihm schon immer bekannt war, was er aber immer verdrängt hatte, sein Ergebnis war unendlich negativ.

Es drängte sich ihm die Frage nach der Liebe auf – ja, früher als er ein ganz junger Mann war, aber seit dem er die Parkbank verlassen hatte, hatte er auch die Liebe hinter sich gelassen. Das war ihm genau bekannt.

Dreimal hatte er wegen der Hoffnung auf Liebe geheiratet und ist dreimal geschieden worden. Jede Scheidung hatte ihn sehr, sehr viel Geld gekostet. Es war ihm eigentlich bekannt, das diese Damen ihn nur wegen des Geldes geheiratet hatten, dennoch gab er sich der Illusion hin, es wäre nicht so, es wäre Liebe.

Er versuchte sich zu erinnern, um sich die Frage zu beantworten ob er jemals glücklich war. Die Erinnerung sagte ihm, ja – während dieser Zeit auf der Parkbank warst du glücklich, du konntest jeden Tag genießen, du hattest alles was du gebraucht hast, du kanntest keine Sorgen und du hattest jeden Tag Freude. Als du deinen Weg von der Parkbank weg angetreten hast, bekamst du die Sorge, alle deine Ängste, dein Freudlosigkeit und deine Lieblosigkeit.

Eine Panik überfiel den Fabrikanten und er gab sich einer Hoffnung hin, die ihm half die Panik zu verdrängen. Eine Sehnsucht nach diesen Tagen in jungen Jahren zwang ihn geradezu, nach einer Lösung zu suchen.

Er dachte, nur der ehemalige Freund, aus lange vergangenen Tagen kann helfen, so wie er ihm damals oft geholfen hat.

Er entschied, schon am kommenden Morgen beim Park auszusteigen und den ehemaligen Freund aufzusuchen.

So geschah es und als der Fabrikant in den Park ging, hatte er die Sorge, ihn heute dort nicht anzutreffen. Es war für ihn sehr erleichternd, als er ihn von weitem auf der Bank sitzen sah.

Als er die Bank erreichte, setzte er sich auf das andere Ende, sagte „guten Morgen“ und schwieg dann. Der andere erwiderte etwas abwesend den Gruß.

Nach kurzem Schweigen fragte der Fabrikant: „Kennst du mich den nicht mehr?“

Der andere sah ihn überrascht an: „Woher sollte ich denn einen so feinen Herrn wie sie kennen? Ich verkehre nicht in diesen Kreisen.“

„Aber ich bin es doch. Wir saßen doch vor sehr vielen Jahren miteinander hier auf dieser Bank.“

Der Andere sah ihn genau an und sagte dann erschreckt:

„Du bist es – was ist aus dir geworden?“

Der Fabrikant, gehetzt von den eigenen Problemen platzte geradezu heraus:

„Du musst mir helfen, du hast mir früher immer wieder geholfen, hilf mir bitte noch einmal.“

„Aber wie könnte ich einem so feinen und reichen Herrn wie dir helfen?“

„Ich hoffe so sehr, dass du mir helfen kannst. Ich erinnere mich dass du vieles weißt und sehr viele Erfahrungen hast. Ich werde sehr bald sterben. Aber ich weiß, dass ich ohne das, was ich damals in diesem Antiquariat verkauft habe, niemals sterben werde. Hilf mir doch noch einmal – ein letztes Mal. Ich bin bereit mein gesamtes Eigentum und mein gesamtes Kapital für eine Mark, mit der alles begann, abzugeben.“

Der Andere wusste genau, dass es genau so ist, wie der Fabrikant es gesagt hat. Aber er wusste ebenfalls sicher, dass es für ihn absolut keine Hilfe mehr gibt. Früher hätte er diesen Weg in die Verdammnis verlassen und sich erlösen und retten können. Er tat es nicht – und nun war alles vorbei – nicht zu spät, weil eine Verspätung unter Umständen aufgeholt werden kann, in diesem Fall war es vorbei.

Er hatte Mitgefühl, nicht Mitleid und gerade deswegen sagte er dem Fabrikanten nicht, was er wusste. Er wollte ihm einen letzten Tag ohne die Qualen, die durch seine eigenen Kenntnisse erzeugt werden und die er durch die Hoffnung verdrängt hat, schenken, indem er ihm die Hoffnung ließ.

„Weißt du was wir versuchen könnten? Wir gehen, wie damals zu diesem verdammten Ort, diesem Antiquariat und sehen was wir machen können.“

„Oh, Ja“ sagte der Fabrikant erleichtert.

„Wir gehen sofort los.“ Sagte der Andere und sie begaben sich auf den langen Weg. Sie brauchten eine sehr lange Weile, bis sie jenen kleinen Markt erreichten. Der Ältere war zufrieden, denn er sah, dass der Fabrikant diese Stunden genoss und geradezu fröhlich wirkte. Er hatte ihm das letztmögliche Geschenk gegeben.

Nun standen sie auf dem Markt, sahen sich um, aber das Antiquariat war nirgends zu finden. Sie erkannten das Eckhaus, in dem es war, aber nicht eine einzige Spur, dass es dort war, war zu sehen.

Nun ja, was soll ich noch erzählen?

Ich kann nur noch die Wahrheit sagen. Wenn der Mensch keine Möglichkeit mehr hat, den eigenen Weg zu verlassen, dann erfüllt sich das eigene, für sich gewählte Schicksal von alleine und der Mensch kann nichts mehr daran ändern, denn dann ist es vorbei und nicht zu spät.

Werte Leser/Innen was denken sie, was meinen sie, was ist ihre Überzeugung, ihr Glaube?

Würde dieser Mensch, unser Fabrikant anders handeln, anders entscheiden andere Wege gehen, wenn er die Chance bekäme, es noch einmal zu versuchen?

Ich sage es ihnen und ich weiß es mit Sicherheit. NEIN, er würde wieder genauso handeln.

Nur in äußerst seltenen Fällen geschieht es, dass ein Mensch aus eigenem Antrieb den Irrweg, der in die Verdammnis führt, verlässt und sich erlöst und rettet.

Aber das ist wirklich sehr, sehr selten.

DINARIN ALEKSANDAR NIKOLIC“

Share
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.