Dinarin Aleksandar Nikolic erzählt die Story mit dem Titel: „In jenen fernen Jahren“:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist Wochenausklang, was unser Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis- (AK-) Mitglied, den Schriftsteller Dinarin Aleksandar Nikolic (http://www.ak-gewerkschafter.de/?s=dinarin+aleksandar+nikolic), dazu veranlasst hat, uns eine weitere Erzählung zukommen zu lassen.

Diese Erzählung ist betitelt mit der Überschrift: „In jenen fernen Jahren“. Wer jetzt denkt, es handele sich dabei um „jene fernen Jahre“, die noch vor uns liegen und somit futuristischer Natur seien, der/die irrt. Es handelt sich um ein Stück weit lehrreiche Vergangenheit, die einfach zeigt, dass nicht jeder zum Profitmachen geeignet ist.

Aber lest diese Erzählung aus dem Leben selbst. Wir wünschen eine entspannende Lektüre und sagen dem Dinarin Aleksandar ein herzliches Dankeschön für seine Mühe.

Für den AK Manni Engelhardt -Koordinator-

http://www.kultur.belgrad-reisen.de/belgrad%20nacht.jpg

(Foto zeigt Belgrad bei Nacht aus: http://www.belgrad-hotels.de/hostels)

„In jenen fernen Jahren“ von Dinarin Aleksandar Nikolic:

„In jenen fernen Jahren

Ich übertitele diese Erzählung so, weil sich die Ereignisse, über die ich im Folgenden berichte, tatsächlich vor vielen Jahren ereignet haben. Um genau zu sein, ist diese Niederschrift ein Bericht und keine Erzählung. Und es ist kein Bericht nach einer wahren Begebenheit, sondern die wahre Begebenheit, die ich erzähle. Scherzhaft könnte ich auch sagen, es wäre ein

Geschäftsbericht.

Es war ein herrlicher Sonntagnachmittag in jenem Sommer jenes fernen Jahres.

Milos, ein Mensch vom Balkan mit Balkanmentalität, hatte in jungen Jahren in Belgrad eine Kellner Lehre beendet. Aber seine tatsächliche Ausbildung begann erst danach. Die Straße nenne ich in diesem Fall „Universität“ – und Milos hat das Studium „Straße“ mit jeweils einem Diplom in mehreren Studienfächern beendet.

An diesem Nachmittag saßen wir bei einer Tasse Kaffee bei Milos in der Wohnung und wir unterhielten uns über dieses, ich nenne es Gesellschaftsspiel, bei dem es um einen Gewinn geht, eben um bunte Scheinchen (Geld), wie ich immer sage.

Wir saßen also da, und beschlossen an diesem großen Spieltisch, genannt Geschäft, Platz zu nehmen und, wenn auch nur für eine kurze Weile, mitzuspielen.

Milos sagte: ´Such etwas aus, egal was es ist, ich bin dabei.´

Ohne zu erklären wie es geschah, und warum ich schon einige Tage später im Büro des Exportmanagers eines Türenwerkes stand, kann ich sagen, dass ich diese Gelegenheit, die sich bot, sofort annahm. Das besagte Türenwerk hatte ein breites Angebot von Türmodellen und war auch international tätig.

Der Exportmanager, den ich Anton Redlich nenne, um nicht seine wahre Identität zu verraten, saß an einem großen Schreibtisch. Hinter ihm war eine riesige Weltkarte an der Wand angebracht. Kleine rote Fähnchen steckten in den Orten auf der Weltkarte, an denen Firmen und Kooperations-Partner waren, zu denen intensive geschäftliche Beziehungen bestanden. An verschiedenen Orten waren größere Ansammlungen von Fähnchen. Der Balkan war vollständig frei.

Zugegeben, das Büro mit der Weltkarte und die ganze Atmosphäre muteten an, wie ein oft verwendetes Klischee aus der Filmwelt und gerade deswegen war es sehr amüsant.

Nach dem üblichen Smalltalk, zur Eröffnung des Gesprächs, sagte Anton, auf die Weltkarte hinter sich deutend: ´Wie sie erkennen, gibt es in diesem Gebiet keine Geschäftsbeziehungen´, und deutete auf den Balkan.

Pathetisch und bedeutungsvoll großmännisch erklärte er: ´Ich will den Balkan haben.´

Ich dachte: – ´Aha, um etwas zu erreichen, muss ich im gleichen Stil antworten´, und sagte ebenso bedeutungsvoll und großmännisch : ´Sie bekommen den Balkan von mir.´

Damit war das Gespräch fürs Erste beendet. Bei der Verabschiedung bemerkte ich bei Anton einen leisen Zweifel, drehte mich zur Tür, und beim Hinausgehen sagte ich, ohne mich umzudrehen: ´Sie hören sehr bald von mir´, und verließ bedeutungsvoll den Raum. Auf dem Weg zum Auto bekam ich dann aber einen kurzen Lachanfall – ich lachte über mein großmännisches Auftreten – ich fand es sehr witzig.

Eine Woche später erreichten Milos und ich, am Abend des Folgetages der Abreise, Belgrad.

Die Reise hatten wir schon zuvor geplant, in der Absicht in Serbien Möglichkeiten für die Teilnahme an diesem, bereits erwähnten Gesellschaftsspiel zu suchen. Umso besser war es, dass wir jetzt zielgerichtet handeln konnten, eben wegen dieser Gelegenheit, die sich geboten hatte. Ich fuhr in jenen fernen Jahren einen repräsentativen, schwarzen BMW. In Zemun Polje, einem Vorort von Belgrad, bezogen wir eine 2-Zimmer Wohnung. Die beiden Zimmer, ein größeres und ein kleineres, waren getrennt durch einen kleinen Flur, eine Küche und ein Badezimmer. Milos nahm mit seiner Freundin, die in Zemun Polje lebt, das größere Zimmer. Ich war froh im kleinen Zimmer meine Ruhe zu haben.

Am folgenden Morgen, Milos hatte nur drei Stunden geschlafen, seine Freundin schlief immer noch, saßen wir in dem kleinen Zimmer, das ich bewohnte, bei einer Tasse Kaffee. Wir besprachen das weitere Vorgehen.

Milos hat in Belgrad sehr viele Kontakte und auch Beziehungen zu einflussreichen Leuten. Ich sagte: ´Ruf doch einige deiner Bekannten an und erkläre, dass wir eine Vertriebsinfrastruktur für Zimmertüren deutscher Qualität organisieren.´

Kurz und gut, die meisten waren sofort bereit, sich in die Struktur einzureihen. An diesem ersten Tag war die Basis geschaffen. Der zweite Schritt war, Anton anzurufen.

Am nächsten Morgen suchte ich nach der Visitenkarte, die Anton mir gegeben hatte, fand sie aber nicht und als ich mich erinnerte, dass ich sie zu Hause vergessen hatte, wurde mir ein wenig heiß.

Bei Milos stieg Ärger auf.

Ich dachte hin und her und erdachte eine Möglichkeit. Petar, ebenfalls aus Belgrad stammend und wohnhaft am gleichen Ort wie Milos und ich, bekam von mir den Auftrag, zu meiner Mutter zu gehen, was an sich schon ein kleines Abenteuer war, und den Reserveschlüssel zur Wohnung abzuholen, um die Visitenkarte zu suchen und mir Antons Telefonnummer telefonisch durchzugeben. Ich sollte erwähnen, Petar ist nicht sehr aktiv und ich wusste, dass er diesen Auftrag nur mit Mühe, aber dennoch zuverlässig erledigen wird. Zehn Minuten nach dem Gespräch mit Petar fand ich aber einen Zettel zwischen den Papieren, die ich mitführte, auf dem ich Antons Telefonnummer notiert hatte. Ich vergaß allerdings Petar anzurufen, um Seine Bemühungen zu stoppen.

Abends rief Petar an, zugegeben sehr gestresst, um die Nummer durchzugeben. Als ich sagte, es hätte sich schon längst erledigt, bemerkte ich seinen aufkochenden Ärger und er zischte, sich sehr um Gleichmütigkeit bemühend: ´Ist in Ordnung.´

Im Gespräch mit Anton erklärte ich, ich hätte eine Marktanalyse durchgeführt in Form einer Umfrage und den monatlichen Bedarf von 5000 Türen nur für Belgrad ermittelt, hervorgerufen durch große Bauaktivitäten vor Ort. Nebenbei, diese Information hatte ich von einem Bauunternehmer bekommen. Weiterhin prognostizierte ich den mengenmäßigen Absatz, durch Einbeziehung des Belgrader Umlandes, und nach einem halben Jahr ganz Serbiens auf ca. 10.000 Türen pro Monat.

Mithin stand dann der Ausweitung der Vertriebsstruktur auf den ganzen Balkan, nach Umsetzung der ersten Schritte, nichts mehr im Wege.

Anton war begeistert und sagte: ´Ich komme sofort.´

Nach drei Stunden rief er an, sagte er habe den nächstmöglichen Flug gebucht, und das sei mit der JAT, der serbischen Liniengesellschaft. Ich sollte hinzufügen, dass diese Fluggesellschaft die Flüge mit ´Klapperkisten´ ausführt, die wirklich nicht vertrauenserweckend sind.

Anton nannte noch den Zeitpunkt der Ankunft und kam trotz JAT auch tatsächlich an. Milos und ich fuhren mit dem schwarzen BMW vor, luden Anton ein und fuhren zu einer Bekannten, die ein hervorragendes Abendessen zubereitet hatte.

Anton war entzückt vom Empfang, von der Gastfreundschaft und von den Geschäftsaussichten, die wir während des Abendessens besprochen hatten. Er bot uns das Du an, was eine große Ehre war.

Anton standen zwar üppige Spesen für seine Reisen zu, aber er war sparsam, ich würde sogar geizig sagen und so war er immer bedacht den großen Teil der Spesen mit nach Hause zu nehmen. Gemäß Antons Vorgaben hatte Milos ein preisgünstiges Hotel ausgesucht, sagte aber gleich, dass es in einem Viertel läge, das er nicht empfehlen würde. (Insider-Wissen).

Gegen 22.00 Uhr fuhren wir Anton zu dem besagten Hotel, das die Preisvorstellungen, die Anton hatte, erfüllte. Nach einem Getränk in der Hotelbar, fuhren wir nach Zemun Polje. Anton bezog sein Hotelzimmer.

Vereinbarungsgemäß fuhren Milos und ich am darauffolgenden Morgen pünktlich in die Parkbucht vor dem Hotel und sahen auch schon Anton bei einer Tasse Kaffee an einem der Tische, die auf dem Bürgersteig vor dem Hotel aufgestellt waren.

Wir setzten uns dazu und Anton berichtete, er habe sehr gut und tief geschlafen, allerdings zu kurz. Er berichtete, dass kurz nach Mitternacht, als er gerade sanft einschlummern wollte, ein grässlicher Schrei die Nacht zerrissen hätte. Er wäre aufgesprungen, aber durch das Fenster wäre nichts zu erkennen gewesen. Er hätte auf einmal Angst empfunden, zumal daraufhin ein Schuss zu hören war. Infolgedessen waren Schüsse ganz in der Nähe und auch etwas entfernt, und hier und da, zu hören. In großer Angst sei er dann hinuntergestiegen in den Empfangsraum, um mit dem Portier zu sprechen. Unten angekommen habe er festgestellt, dass die Hotelbar geschlossen war und die Eingangstür zum Hotel mit einem Metall-Schiebegitter verbarrikadiert war. Kein Mensch war zu sehen. Er habe dann mehrmals ´Hallo´ gerufen.

Dann hörte er die Stimme des Portiers hinter einer weiteren Tür, die ebenfalls mit einem Schiebegitter gesichert war und hinter der sich der Portier in Sicherheit gebracht hatte. Er sagte ihm, er solle ganz ruhig sein, denn Lärm unterlassen du ins Zimmer gehen. Das ganze habe ihn noch mehr verunsichert sagte Anton. Es blieb ihm nichts anderes übrig, er ging ins Zimmer legte sich ins Bett und zog die Decke über den Kopf.

Dieser ´Krieg´, wie Anton die Geschehnisse bezeichnete, wurde bis weit nach Mitternacht geführt.

Erst gegen drei Uhr sei es plötzlich gespenstisch ruhig gewesen. Er habe dann eine längere Weile gebraucht um einzuschlafen, sei dann aber in einen tiefen Schlaf gefallen. Die Absicht, abends noch einen Spaziergang in der herrlichen lauen Sommernacht zu unternehmen, habe er jetzt verworfen.

Wir kommentierten nicht seinen Bericht, denn es galt das Programm dieses Tages abzuwickeln.

Anton sollte die Beteiligten an der Vertriebsinfrastruktur kennenlernen. Wir fuhren den ganzen Tag von Unternehmen zu Unternehmen und die Verantwortlichen erklärten allesamt ihre Bereitschaft mitzuwirken.

Als wir einen Ort außerhalb Belgrads ansteuerten, war der Treibstoff auf halber Strecke aufgebraucht. Weder Milos noch ich hatten Geld um zu tanken, standen aber weit weg von Belgrad. Anton erklärte sich selbstverständlich bereit eine Tankfüllung aus seinen Spesen zu spendieren. Ich denke, das lag an der Erfahrung der letzten Nacht und das wir in einem Gebiet waren, dass die Zivilisation nicht erreicht hatte.

Gegen Abend, die Abenddämmerung hatte schon begonnen, brachten wir Anton zu seinem Hotel. Auf der Rückfahrt betonte Anton seine tiefe Zufriedenheit wegen des reibungslosen Ablaufs des Programms und vor allem, weil alle aufgesuchten Kandidaten nicht nur den entsprechenden Hintergrund für so eine Unternehmung hatten, sondern auch bereit waren, mitzuwirken. Bevor wir uns dann verabschiedeten, deutete Anton nur kurz an, dass er sich gar nicht auf die kommende Nacht freut.

Ich weiß jetzt nicht genau, wie Anton die darauffolgende Nacht verbracht hatte, am nächsten Morgen jedenfalls saß er an einem Tisch auf dem Bürgersteig vor dem Hotel und war vertieft in ein Buch – Schnellkurs Serbisch. Wir setzten uns zu ihm und er sagte, er werde jetzt schnellstmöglich die Grundlagen für eine Konversation in Serbisch erlernen, er habe auch eine CD, die er abends auf dem CD-Player höre – wegen der Aussprache. Wie er sich diesen Serbisch-Kurs so kurzfristig beschafft hatte, war mir schleierhaft.

Nach einigen Gesprächen an diesem Tag, gingen wir abends zu einem Termin mit Dragan. Dragan ist ein Bekannter Milos´ und war Direktor des größten serbischen Privatfernsehsenders. Der Medienmogul, dem der Sender gehörte, hatte Dragan, der lange sein persönlicher Bodyguard war, aus Dankbarkeit diese Position überlassen. Wie Dragan allerdings, in einer sehr kurzen Zeit das volle Jura – Studium incl. des Doktortitels geschafft hat, ahnte ich, sprach aber nicht darüber. (ein Vorgang, der auch in Deutschland bekannt ist)

Übrigens, später hat sich dieser besagte Medienmogul nach Sibirien abgesetzt.

Wir trafen uns auf der Skadarlia. Es war ein herrlicher, lauer Sommerabend.

Die Skadarlia ist im Zentrum Belgrads gelegen, eine lange Straße mit Kopfsteinpflaster aus der Zeit der türkischen Herrschaft um 1600. Restaurants, Bars und Cafés reihen sich zu beiden Seiten der Skadarlia aneinander. Verschiedene Gesangsgruppen standen auf den, den Restaurants vorgelagerten Terrassen. Musik die überall zu hören war, bewirkte eine zauberhafte Atmosphäre.

Anton war hingerissen.

Wir trafen Dragan, der jederzeit gerne bereit war, neben seiner Direktorentätigkeit, das eine oder andere Geschäft abzuwickeln. Er schlug vor, eine eigene Vertriebsstruktur unter meiner Leitung zu errichten, wollte auch schon 1.000 Türen bestellen, aber mit Anton kam keine Übereinkunft über die Zahlungsmodalitäten zustande. Diese Frage wurde auf später vertagt.

Der folgende Tag war Freitag und da das Wochenende bevorstand, schlug Anton vor, nur den halben Tag geschäftlich aktiv zu sein, um dann das Wochenende einzuläuten.

Zu dritt fuhren wir ins Belgrader Zentrum, parkten und setzten uns bei herrlichem Sonnenschein in das Straßencafé, das zum Hotel ´Moskva´, einem der beiden Spitzenhotels Belgrads gehört. Anton eröffnete die Verhandlung über unsere gegenseitigen Bedingungen und Verpflichtungen. Er fragte nach meinen Vorstellungen. Milos saß versteinert und schweigend neben Anton, die Sonnenbrille hing schief auf der Nase. Ich hatte schon bemerkt, dass der Sitz der Sonnenbrille von der Situation abhängt, in der sich Milos jeweils befindet. Ist Milos ausgeglichen, ruhig und zufrieden, dann sitzt die Brille korrekt und gerade. Ist er verärgert, dann sitzt die Brille schräg.

Ich begann dieses und jenes zu erläutern, Anton jedoch war stark abgelenkt, denn auf dem breiten Boulevard, der dem Hotel ´Moskva´ vorgelagert ist, flanierten hübsche und sehr hübsche Mädchen und Frauen hin und her. Anton hörte mir kaum zu. Er sah dieser und jener Schönheit hinterher, sein einziger Kommentar war: ´Wo kommen all die schönen Frauen her?´

Am Ende des Gesprächs nannte ich eine Bedingung: Deckung aller Kosten, die durch die Errichtung der Infrastruktur entstehen und zwar durch einen monatlichen Fixbetrag. Er sagte, er werde das mit der Geschäftsleitung des Türenwerkes besprechen, und wir vereinbarten einen Termin nach der Rückkehr nach Deutschland, und zwar bei mir in der Wohnung.

Wir kamen zurück, unsere Bedingungen wurden bestätigt, wobei Anton die monatliche Kostenpauschale zuvor noch ein wenig gedrückt hatte.

Nebenbei, ich hatte seit Jahren mit einer Frau zu tun, die ich hier Madame X nenne. Madame X war der Meinung, ich sei etwas angestrengt und ich solle mich für eine Weile an einen Ort zurückziehen, den ich den „Ort der Ruhe“ nenne.

Nicht dass ich es gebraucht hätte, aber ich erfüllte Madame X den Wunsch. Nach einem Termin mit der Dame des Hauses am „Ort der Ruhe“, die ich ebenfalls bereits etwas länger kenne, wurde innerhalb eines Tages ein Zimmer frei gemacht, das ich dann auch bezog.

Ich saß im Vorgarten des Hauses am „Ort der Ruhe“ und genoss die herrlichen Sonnentage. Nach zwei, drei Tagen, ich saß wie gewöhnlich an einem der Tische vor dem Haus, sah ich Milos durch das Tor zum Hof kommen. Milos trug einen schwarzen Versace-Anzug, ein weißes Hemd und eine passende Krawatte.

Die Sonnenbrille saß korrekt auf der Nase.

Er setzte sich zu mir und sagte, Anton hätte seinen Besuch angekündigt, ich solle einen Ort benennen, wo wir uns mit ihm treffen könnten.

An diesem Ort war es gerade sehr gemütlich und ich hatte nicht den Willen, irgendeinen Ort für das Treffen zu suchen und dorthin zu hetzen, also sagte ich: ´Ja, hier am besten.´

Am Tisch hinter mir saß ein Pärchen und rein zufällig hörte ich dass er sagte, er habe sich entschlossen, mindestens ein Jahr mit einem Papagei zusammen zu leben.

Mein Lachen platzte sozusagen aus mir heraus. Milos sah mich erstaunt an, weil er mein Lachen nicht verstand.

´Das ist doch nicht dein Ernst!´, sagte er, ich lachte weiter. Milos wurde ärgerlich und sagte: ´Hör auf zu lachen, wo treffen wir uns denn jetzt?´

Ich wurde sachlich, und erklärte Milos, dass dieses Café am ´Ort der Ruhe´ deshalb geeignet sei, weil es abgelegen und ruhig ist.

Milos erklärte sich einverstanden, meinte er würde Anton abholen und an diesen Ort bringen. Seine Sonnenbrille hing auf einmal schief. Er stand auf und ging, kehrte sich aber noch einmal um und sagte: ´Aber reiß Dich zusammen, nicht das Du beim Treffen anfängst zu lachen!´

Eine kurze Weile später kamen Anton und Milos durch das Tor zum Hof. Ich stand auf, begrüßte beide und riss mich zusammen, als ich Antons verwundertes Gesicht sah, der auch noch fragte:

´Wo sind wir denn hier? Und was machst Du denn hier?´

Den rechten Mundwinkel konnte ich nicht unter Kontrolle bringen, er verzog sich sozusagen von selbst, als ich sagte: ´Sieh mal, Anton, dieses Café ist abgelegen und ruhig, die Terrasse wird von den Baumkronen dieser uralten Platanen überschattet, ein idealer Ort um Gespräche zu führen.

Ich im Übrigen habe hier auf euch gewartet.´

Wir nahmen an einem der Tische auf der Terrasse Platz und bestellten Kaffee. Ohne Umschweife holte Anton aus der mitgeführten Aktentasche Vertragsentwürfe heraus und erklärte, er wolle unsere geschäftliche Beziehung vertraglich regeln. Er legte mir einen Handelsvertretervertrag zur Unterschrift vor, der mindestens 40 oder 50 Seiten umfasste.

Ich lehnte ab und erläuterte, dass meine Position in diesem Unternehmen eine ganz andere sei und ich deshalb keine vertragliche Bindung wünsche, weil ich selbstständig und unabhängig vorgehe, und noch weitere Unternehmungen plane.

Ich schlug vor, er solle Milos als meinem Stellvertreter den Vertrag anbieten, stand auf und ging.

Am Spätnachmittag, ich saß erneut im Vorgarten des ´Hauses der Ruhe´ und rauchte genüsslich eine Zigarette, erschien Milos abermals und sagte:

´Du hast doch nicht unterschrieben?´

´Nein, und Du?´ ´Nein.´

Nach diesem Intermezzo konnte das Spiel weitergehen.

Vom ´Ort der Ruhe´ aus regelte ich telefonisch alle Angelegenheiten, die dieses Projekt betrafen. Daher ergab sich die Notwendigkeit einer erneuten Reise nach Serbien mit Anton.

Milos hatte einen weiteren hochkarätigen Kontakt aktiviert – der größte serbische Unternehmer, der die bedeutendste Hotelkette Serbiens besitzt, darüber hinaus eine Warenhauskette und die Peugot-Generalvertretung sein Eigen nennt. Sein größter Fahrzeugkunde ist die serbische Polizei. Darüber hinaus ist er im Ölgeschäft tätig. Eben dieser, ich nenne ihn Taja, kontrolliert noch weitere Geschäftszweige und war interessiert am Handel mit Zimmertüren.

Vielleicht ist es unnötig zu erwähnen, ich erwähne es dennoch – Taja war Oberhaupt der größten ehrenwerten Gesellschaft Serbiens. Mittlerweile in legalen Geschäftszweigen tätig aber unter Beibehaltung der althergebrachten Strukturen und Regeln.

Da ich hier vor Ort für eine Weile unabkömmlich war, vereinbarten Milos und ich, dass Milos mit Anton reisen sollte.

Milos freute sich sehr, denn seine Freundin erwartete ihn bereits. Einen Tag nach der Ankunft der beiden, erklärte Taja, während des Treffens mit Milos und Anton seine Bereitschaft, eine Fabrik für die Produktion von Türen deutscher Qualität bauen zu lassen. Antons Beitrag sollte der Technologietransfer zur Herstellung der Türen sein.

Tajas Absicht war, binnen kürzester Frist den Balkan mit den besagten Türen sozusagen zu überschwemmen.

Anton zögerte, konnte keine Entscheidung treffen und kehrte zur Beratung mit seiner Geschäftsführung nach Deutschland zurück.

Milos verbrachte noch weitere vierzehn Tage mit seiner Freundin, Anton finanzierte ja den Aufenthalt. Was so mancher deutscher Tourist in Thailand in Bangkok sucht und teuer bezahlt, Sex-Urlaub, hatte Milos vom Türenwerk geradezu spendiert bekommen.

Zwischenzeitlich hatte ich den ´Ort der Ruhe´ wieder verlassen und war zurückgekehrt in die Wohnung in dem sonnengelben Haus.

Nachdem auch Milos wieder vor Ort war, planten wir die nächsten Schritte, um den Vertrieb der Türen einzuleiten. Milos und ich waren beide übereingekommen, dass wir Ansichtsexemplare der angebotenen Türen in Belgrad brauchten. Milan, der in Zemun Polje war, bekam den Auftrag, eine Halle zu suchen die zentral liegen sollte, um eine Ausstellung der verschiedenen Türmodelle einzurichten.

Ich verhandelte mit Anton. Er erklärte sich bereit die benötigten Exemplare auf Kosten des Türenwerkes zu stellen und tatsächlich auch die Transportkosten zu übernehmen. Seine Bedingung war allerdings, dass Milos und ich die Zollbedingungen und die Export- und Importbedingungen zu erfüllen hatten. Ebenfalls sollten wir uns um die Transportpapiere kümmern. Vor dem Hintergrund der rechtlichen Vorschriften der Europäischen Union für den Handel mit Serbien, eine geradezu unlösbare Aufgabe, zumal Anton auch noch darauf bestand, dass wir auch die daraus resultierenden Kosten, wie z.B. Zoll zu tragen hatten.

Nachdem Anton und ich die Aufgabenverteilung für diesen Werbefeldzug einander bestätigten, überdachten Milos und ich Möglichkeiten, den Transport durchzuführen. Weder Milos noch ich kannten geeignete Transportunternehmen, aber Milos erinnerte sich an Anzeigen von Spediteuren in der serbischen Zeitung, die er täglich las. Am Nachmittag brachte Milos die Zeitung, ich suchte eine serbische Spedition aus, rief an und vereinbarte einen Termin schon für den nächsten Morgen.

Pünktlich trafen wir uns am darauffolgenden Morgen mit dem Spediteur, das heißt dem Fahrer der Spedition, in einem Café.

Nach einer kurzen Verhandlung erklärte sich dieser bereit den Transport für 600 Euro auszuführen, bot aber dann auch noch an, für einen Aufschlag von 100 Euro, alle Formalitäten überflüssig werden zu lassen. Hocherfreut, geradezu erleichtert, nahmen Milos und ich an und besiegelten die Abmachung per Handschlag.

Der Transporteur verlangte allerdings eine Abschlagszahlung. Weder Milos noch ich hatte Geld, also überzeugte ich ihn, dass ich nur dann zahlen würde, wenn die Türen tatsächlich in Belgrad ankommen.

Schon am gleichen Abend holte der Spediteur die von Anton bereitgestellten Türen im Türenwerk ab.

Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf aus Belgrad. Am anderen Ende war der serbische Inhaber der Spedition, der sehr freundlich erklärte, die Türen stünden in seiner Lagerhalle zur Abholung bereit.

Ich rief sofort Rade an. Rade, der laut eigener Erklärung zur Vertriebsinfrastruktur gehörte, hatte sich zuvor bereit erklärt, die Türen abzuholen und die Transportrechnung zu begleichen. Milos sollte ihm den Betrag erstatten, nachdem Anton gegen Vorlage einer Rechnung aus Serbien vereinbarungsgemäß die Gesamtkosten tragen wollte.

Rade weigerte sich unerwarteter Weise. Auf einmal wollte er die Türen nicht mehr abholen, geschweige denn 700 Euro verauslagen.

Es begann ein Tauziehen. Milos und ich auf der einen Seite und ich weiß nicht wer alles auf der andern Seite.

Tagelang fand ich keine Lösung, denn Anton wollte nur gegen Vorlage einer Rechnung zahlen, der Spediteur nur gegen Zahlung eine Rechnung ausstellen.

In den folgenden drei Tagen rief mich der Spediteur täglich zwischen sieben und zehn Mal an. Seine Wut steigerte sich von Anruf zu Anruf. Er schrie geradezu ins Telefon:

´Was denkst Du Dir nur? Ich habe hier die Türen am Hals, wenn das so weiter geht werfe ich die Türen in die Donau.´

Ich sagte: ´Ich verstehe nicht was Du hast. Die Transportkosten werden beglichen, und die Türen werden abgeholt.´

´Wann, wann?´ wollte er wissen.

Die letzten Anrufe begannen allesamt mit dem Satz: ´Ich finde dich schon, ich hole die Kalaschnikow unter dem Bett hervor und komme.´

Ich sagte: ´Du brauchst mich nicht zu suchen, ich bin hier. Die Türen werden abgeholt.´

Das ging, wie gesagt, drei Tage so, bis Milos Raka veranlasste, die Rechnung zu begleichen. Höchsterfreut stellte der Spediteur eine Rechnung aus, wobei er sich bei der Gestaltung exakt an meine Wünsche hielt. Er erklärte sich sogar bereit, obwohl Abholung vereinbart war, die Türen bis Zemun Polje zu bringen.

Anton bezahlte, wie immer und Milos überwies den Betrag auf Rakas Konto bei einer griechischen Bank, die den Betrag nach Belgrad weiterleitete.

Sehr verehrte Leser/Innen, es könnte nun sein, dass der Eine oder Andere auf den Gedanken kommt, Geschäfte mit Serbien zu treiben. Für diesen Fall nenne ich Ihnen aus Erfahrung zwei unabdingbare Bedingungen. Zum einen ein sehr gutes Sprintvermögen über 200 Meter mit Zick-Zack-Technik, zum anderen Schussfestigkeit.

Viel Spaß.

Es gäbe noch dieses oder jenes Ereignis zu erzählen, ich erzähle nur noch den Show Down dieses Spiels.

Anton war bis zu diesem Zeitpunkt, nachdem Milos und ich alle Absprachen erfüllt hatten, die wir zugesagt hatten, seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen.

Ich rief an und sagte: „Anton, am heutigen Tag erwarte ich die Zahlung der kompletten Summe der vereinbarten Kostenerstattung und zwar in bar. Erledige das wie Du kannst, ich schlage vor, setz Dich ins Auto und bring mir den Betrag. Geschieht das nicht heute, komme ich morgen früh ins Werk und hole die Summe in bar ab.´Um Gottes Willen´, schrie Anton, ´bleib bloß da. Ich finde schon einen Weg und zwar noch heute, bis 17 Uhr.´

Ein paar Stunden später rief der Buchhalter des Türenwerkes an und sagte, ich könne den entsprechenden Betrag gegen Vorlage des Personalausweises bei der Post gegen 16.30 Uhr abholen. Als mich dieser Anruf erreichte, saßen Milos, sein Sohn, der ihn gerade besuchte und ich in einer Bar. Ich sagte, sie sollen auf mich warten, ich käme in einer halben Stunde wieder. Als ich zurück kam, legte ich Milos mehr als die Hälfte der bunten Scheinchen, wie ich das Geld nenne, hin. Er bekam etwas mehr, weil er Reisekosten vorfinanziert hatte.

Ich sage nicht, wie hoch die Kostenerstattung war, nur so viel, es war schon ganz ordentlich.

Was mich anbetrifft, ich ging noch am gleichen Abend zu einem Herrenausstatter und erwarb ein komplettes Outfit, weil ich noch in dieser Nacht, wie gewöhnlich eine Bar aufsuchen wollte.

Die Ansichtsmodelle der Türen hat Milos später verkauft. Den Gewinn hatten wir geteilt.

Was Anton anbetrifft, er hatte mich angerufen und alle Vereinbarungen für nichtig erklärt. Ich hatte sofort akzeptiert.

Dass keine einzige Tür verkauft wurde, lag weder an Milos noch an mir. Anton hatte die sich bietenden Gelegenheiten einfach nicht erkannt oder nicht ergriffen, weshalb auch immer. Tatsächlich hätte ein Türenwerk in Belgrad stehen können, das den Balkan mit Zimmertüren deutscher Qualität versorgt hätte.

Aber eigentlich bin ich froh, dass es nicht so gekommen ist – warum auch immer.

Milos hatte nach dieser Zeit noch zweimal mir Anton telefoniert und erfahren, dass Anton eine Frau aus der Ukraine geheiratet und das Türenwerk fristlos verlassen hatte.

Ich denke aber, das ist nur eine Vermutung, dass Anton irgendwo in den Bergen der Ukraine mit seiner Frau Ziegen hütet und Ziegenkäse herstellt, wenn er schlau ist.

DINARIN ALEKSANDAR NIKOLIC“

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