Kollege Dinarin Aleksandar Nikolic erzählt die Geschichte mit dem Titel: „Der Baum – der Traum“:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unser Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis- (AK-) Mitglied, der Schriftsteller Dinarin Aleksandar Nikolic (http://www.ak-gewerkschafter.de/?s=dinarin+aleksandar+nikolic) hat uns wieder eine seiner wunderschönen Erzählungen zukommen lassen.

Der Titel der heutigen Story, die wir zum Wochenausklang und zu Eurer gefälligen Kenntnisnahme wieder auf unsere Homepage posten, heißt: „Der Baum – der Traum“.

Wir wünschen ein vertieftes Lesen.

Für den AK Manni Engelhardt –Koordinator-

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„Der Baum – der Traum“ / Eine Erzählung von Dinarin Aleksandar Nikolic:

***Der Baum – der Traum

Vor vielen Jahren, ich war noch ein kleiner Junge, verbrachten wir die Sommer bei Tetka (Tante) Milenija, im Dorf Dragolje. Dragolje bedeutet Edelfeld.

Vater Gvozden – der Eiserne – brachte uns, Mutter Ruzica – Röschen, meine Schwestern Nena und Wesna und mich bis Belanovica. Belanovica war ein kleiner Ort und der letzte Ort, der mit modernen Verkehrsmitteln zu erreichen war. Dahinter begann die Wildnis.

Tetka Milenija wartete bereits abseits, in einer kleinen Seitengasse mit dem Ochsenkarren, der mit Stroh bedeckt war. Zwei Ochsen zogen den Karren. Mama kletterte auf den Karren und Tetka setzte uns Kinder ins Stroh auf den Karren. Tata –Iron man- fuhr zurück nach Belgrad.

Diese kleine Seitengasse führte bis zu einer Holzbrücke, die über den hinter dem Ort verlaufenden Bach führte. Ab da waren wir in der Wildnis.

Es dauerte zwei Stunden, bis wir Dragolje erreichten.

An den Hof, den Tetka Milenija bewohnte, kann ich mich erinnern, als sei ich gestern dort gewesen. Das Haus hatte im Erdgeschoss eine große Wohnküche mit einer offenen Feuerstelle und im rückwärtigen Teil des Erdgeschosses einen Lagerraum für Getreide. Im oberen Geschoss, das über eine geländerlose Außentreppe zu erreichen war, befanden sich zwei Schlafzimmer.

Der Hof war von einem Zaun umgeben. Der Zaun hatte zwei Tore – ein vorderes und ein seitliches.

In der Nähe des seitlichen Tores standen die Rinder und in gerader Linie unweit des vorderen, stand ein riesiger alter Baum.

Ich kann sagen, dass diese Weile, die wir bei Tetka Milenija verbrachten, meine bis heute glücklichsten Tage waren. Ich erinnere mich an heftige Sommergewitter, als sich Wolken am Himmel auftürmten und Tetka Anweisungen über den Hof rief, die Fensterläden und die Türen fest zu verschließen und vor allem an die Anweisung an Mutter, die Spiegel im Haus zu bedecken. Ich verstehe bis heute nicht, was das zu bedeuten hatte, aber Mutter folgte sofort. Dann setzte der Landregen sehr heftig ein.

Im Frühherbst, kurz bevor wir nach Belgrad zurückkehrten, war es noch warm und die Gewitter häuften sich. Es kam vor, zwar selten aber dennoch, dass ein Gewitter wie  ein Inferno über die Landschaft fegte. Dann zerrissen unzählige Blitze die dichten schwarz-grauen Wolken und der Regen ertränkte geradezu die Erde. Diese Gewitter waren nur von kurzer Dauer. Dann verschwanden die Wolken, der blaue Himmel war wieder zu sehen und das gleißende Licht der Sonne trocknete die Erde. Ich war fasziniert von diesen Naturschauspielen und  Tetka sagte, die Natur habe sich gereinigt.

Der Hof hatte selbstverständlich kein fließendes Wasser und keinen Strom.

In der großen, ebenerdigen Wohnküche war eine offene Feuerstelle in der ein Kessel für die Zubereitung von Speisen hing. Im Hof befand sich ein gemauerter Brotbackofen.

Der Hof lag in einer flachen Senke. Unweit des Hauses, knapp unter dem Hügelkamm, war eine Quelle. Wenn Tetka Wasser holte, nahm sie mich mit zur Quelle. Eine breite Öffnung in der Gras Nabe gab den Blick frei auf die Steinformation unter der Oberfläche. Das Wasser plätscherte über die Steine in ein unten befindliches, von der Natur geschaffenes Becken, um dann im Untergrund zu versickern. Es war ständig in Bewegung. Innerhalb der Quelle und seitlich des Quells, hatten sich Pfützen gebildet und in diesen Pfützen waren kleine grüne Frösche, kleiner als eine Viertel Zigarette, zu sehen, die in diesen Pfützen laichten. Wassertropfen erfrischten immer wieder die Pfützen und die Frösche mieden den Quellstrom, um nicht fortgeschwemmt zu werden.

Tetka erklärte mir, diese Fröschchen seien sehr empfindlich und schon die geringste Verschmutzung der Quelle genüge um die Fröschchen verschwinden zu lassen. Dann meiden die Bewohner diese Quelle ebenfalls. Das war kein Problem, denn es gab etliche Quellen und Tetka sagte, das Wasser reinige sich von alleine. Dann kämen auch die Fröschchen zurück und das Wasser ist dann wieder vollständig rein.

Nur eins überschattete diese Frühherbsttage bei Tetka auf dem Hof. Es war der Umstand dass unsere Rückreise nach Belgrad in einigen Tagen bevorstand.

Kurz bevor wir dann Serbien verließen, sagte Tata, dass Dragolje an das Stromnetz angeschlossen werden wird. Ich war bestürzt und wirklich zornig.

Ich weiß nicht genau, wann es war, dass der erwähnte Baum vor dem vorderen Tor meine Aufmerksamkeit fesselte. Es war während eines dieser wenigen Sommer oder Spätsommer meiner Kindheit auf dem Hof meiner Tetka. Ich stand vor dem vorderen Tor in der Umzäunung des Hofes. Der Himmel war gleichmäßig von grauen Wolken bedeckt. Ein erfrischender, leichter Wind wehte, verfing sich in den Blättern des Baumes und das sanfte Rauschen verbreitete eine Faszination, die mich ergriff. Ich sah hoch zur riesigen, ausladenden Krone des Baumes und fühlte mich durch den Baum beschützt. Mein Blick glitt hinunter zum Stamm – und zum ersten Mal sah ich, dass ganz in der Nähe des Baumstamms ein Grabstein stand.

Ich fragte meine Mutter, wer dort begraben worden war. Mutter sagte sie wisse es nicht, ich solle Tetka fragen. Tetka sagte nur – ein Mann.

Sehr viel später erklärte sich mir aus den Erzählungen, die ich hörte, dass dort nur mein Großvater begraben sein konnte -Deda Ivan grozni- der schreckliche Ivan.

Was dieses Dorf Dragolje betrifft, ich weiß nicht wo es ist. Ich habe noch vor Jahren, während eines Serbien-Aufenthaltes Bekannte gefragt, die Serbien sehr gut kennen, wo dieses Dorf sei. Niemand konnte mir sagen wo es liegt oder gelegen hat.

Die Erinnerung an die Sommer und Spätsommer meiner Kindheit bei Tetka Milenija in Dragolje sind immer mit Faszination verbunden.

Viele Jahre später, mein Vater Gvozden, Mutter Ruzica und meine Schwestern und ich, hatten Serbien bereits lange zuvor verlassen und wohnten in der Nähe dieses Ortes, als Tetka Milenija ihren Besuch ankündigte. Ich war um die zwanzig Jahre alt und freute mich sehr, Tetka Milenija zu sehen. Vater holte sie am Bahnhof ab.

Als ich Tetka Milenija sah, empfand ich ein Gefühl des Bedauerns. Nicht wegen Tetka, ich mochte sie sehr, nach wie vor, doch die Faszination meiner Kindheit wollte mich nicht ergreifen und selbst Tetka konnte sie mir nicht zurückgeben.

Tetka saß in der Wohnstube, häkelte und sprach ab und zu zwei, drei Worte wie zufällig vor sich hin, sie war sehr gealtert. Ich saß bei ihr und empfand wunschlose Ruhe und Freude.

Lesen und schreiben konnte sie nicht, nur mit Mühe kritzelte sie ihren Namen und zwar immer den Vornamen. Ich weiß gar nicht ob ich ihren Nachnamen jemals gewusst habe oder ihn mittlerweile nur vergessen habe.

Sie spielte gerne Karten und kannte nur ein bestimmtes Spiel, so dass wir dieses bestimmte Spiel nächtelang bis weit nach Mitternacht spielten. Tetka wollte immer gewinnen. Ich ließ sie nicht gewinnen, nur einmal gab ich nach und Tetka durfte ein Spiel gewinnen. Aber mittlerweile denke ich, dass es durchaus sein kann, dass sie mich gewinnen ließ.

Sie blieb ein halbes Jahr bei uns und eines Tages sagte sie, sie wolle zurück in Ihre Heimat. Sie sagte, sie fühle dass sie bald sterben würde und sie wolle in Ihrer Heimat sterben.

Ich war sehr verwundert, ich dachte das könne sie doch gar nicht wissen und dachte nicht weiter daran. Einige Wochen später, ich war mittlerweile aus dem Elternhaus ausgezogen, schlief ich in meiner neuen Wohnung und hatte einen Traum. – Ich träumte von Tetka.

Sie stand auf einem Floß. Das Floß war bereits ein wenig vom Ufer entfernt, hinter ihr das Meer der Unendlichkeit. Sie rief mir zu, ich solle doch auf das Floß aufspringen, sie wisse, wie schwer ich es haben werde und ich wisse, wie gern sie mich immer mochte, und sie wolle nicht, das ich leide, ich solle aufspringen. Ich sagte: „Tetka, nein, es ist noch nicht soweit.“ Das Floß entfernte sich mit Tetka und sie verschwand im Meer der Unendlichkeit.

Am nächsten Morgen rief Mutter an und sagte, dass Tetka verstorben sei.

Tetka sollte Recht behalten. Viele, viele Jahre danach hatte ich es sehr, sehr schwer.

Dieser Abschied von Tetka Milenija war gleichzeitig der Abschied von der Welt aus der ich stamme. Es war eine vollständig andere Welt – mit dieser mitteleuropäischen niemals zu vergleichen.

Ich habe keine Heimat mehr, weder dort, wo ich nicht einmal das Dorf Dragolje wieder fand, geschweige denn hier.

Dinarin Aleksandar – im Zeichen der Wahrheit***

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