Dinarin Aleksandar Nikolic erzählt aus den Tiefen seiner Erinnerung die Story: „Das Zirpen der Grillen!“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unsere Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis- (AK-) Mitglied, der Schriftsteller Dinarin Aleksandar Nikolic (http://www.ak-gewerkschsafter.de/?s=dinarin+aleksandar+nikolic), hat uns zum Wochenende wieder eine seiner in der „Tiefe seiner Erinnerung“ liegenden Geschichten zukommen lassen. Dieses Mal heißt die Story „Das Zirpen der Grillen“! Wir haben sie nachstehend zu Eurer gefälligen Kenntnisnahme wieder auf unsere Homepage gepostet.

Für den AK Manni Engelhardt –Koordinator-

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„Das Zirpen der Grillen“ – Eine Erinnerungsgeschichte des Dinarin Aleksandar Nikolic:

„Immer, wenn ich mich zurückziehe in diese Wohnung, die ich an diesem Ort bewohne, bin ich einsam und alleine. Dann stellt sich eine leise Faszination ein und oft geschieht es, dass ich in meiner Erinnerung die Bilder der gestrigen Ereignisse sehe und erneut die Gespräche, die ich geführt habe, höre.

Ab und an jedoch gleite ich in die Tiefe meiner Erinnerung hinab, bis zu jenen fernen Tagen meiner Kindheit, meinen glücklichsten Tagen, jenen Sommer-, Spätsommer-, und Frühherbsttagen im dinarischen Tiefland, auf dem Hof bei Tetka (Tante) Milenija.

Und immer beginnt die Erinnerung mit der Erinnerung an das Zirpen der Grillen.

Es war Hochsommer. Besonders heiß waren die Nachmittage, dieser ohnehin heißen Tage, wenn keine Brise die Luft abkühlte. Dann flimmerte die Luft über den, den Hof umstehenden Feldern und hin und wieder war eine Luftspiegelung zu sehen.

Westlich des Hofes war ein Gras-Feld, dessen hochstehendes Gras in der Sonne verdorrt war. Die sanfte Steigung führte bis zu dieser Hügelkuppe, unter der sich die Quelle befand. Und ganz in der Nähe stand ein junger Apfelbaum. Ich ging oft zu diesem Baum, um in seinem Schatten zu verweilen.

Von dieser Anhöhe sah ich hinunter in die Senke, in der der Hof lag. In entgegengesetzter Richtung, in einiger Entfernung zum Hof, lag das kleine Kornfeld. Die gleißenden Sonnenstrahlen hatten das Korn fast bis zur Reife gebracht. Bald konnte es geerntet werden.

Auf der anderen Seite war das Maisfeld und die prallen Maiskörner ließen erkennen, dass auch der Mais bald reif sein würde.

Nördlich des Hofes befand sich ein Hain, mit dicht aneinander stehenden Bäumchen, deren Kronen einander berührten und das dichte Blätterdach bot kühlen Schatten. Die Rinder, die auf diesen freien Flächen grasten, hatten im Schatten Zuflucht vor der sengenden Sonne gesucht. Dort waren noch grüne Gräser zu finden.

Tetka hatte nur ein paar Rinder, die zur Eigenversorgung mit Milchprodukten gehalten wurden. In einer Ecke der Umzäunung des Hofes war eine kleine Molkerei, in der Tetka Käse und andere Milchprodukte, von hervorragendem Geschmack erzeugte.

Abends trieb sie die Rinder zum seitlichen Tor der Hofumzäunung, wo sich der Wassertrog befand.

Über dieser Senke lag eine Ruhe und die Stille wurde untermalt durch das Zirpen der Grillen, die besonders an diesen heißen Nachmittagen einen hinreißenden Gesang hören ließen.

Und gerade jetzt, vertieft in die Erinnerung an diese glücklichen Tage, höre ich  das Zirpen der Grillen.

Plötzlich bin ich aus der Tiefe der Erinnerung aufgetaucht und bin in der Gegenwart, an diesem Ort, in dieser Wohnung. Am Morgen dieses Frühlingstages hatte ich die Fenster geöffnet um die Frühlingsluft hereinzulassen. Ich habe den Duft des Frühlings in Erinnerung, durch die Erinnerung an längst vergangene Frühlingstage.

Aber hier duftet der Frühling nicht.

Durch das offene Fenster dringt von der nahe gelegenen Hauptstraße ein geradezu infernalischer Lärm zu mir vor. Ab und zu noch durch das Aufbrüllen eines Motors untermalt. Oft sind die schrillen Sirenen eines Polizeiautos zu hören. Krankenwagen und Feuerwehrwagen, die ab und an auch im Konvoi fahren, setzen dem Geräuschszenario entscheidende Akzente.

Und ich vermisse das Zirpen der Grillen.

Dann tauche ich wieder in die Erinnerung ab und ich höre das Zirpen wieder und sitze unter dem Apfelbaum, sehe zum Hof hinunter und sehe Mutter die Anhöhe hinauf, in meine Richtung gehen.

Zuvor hatte sie im Hof in einem Waschzuber die Leinenbettlaken gewaschen. Ich hatte gesehen, dass sie diese Tätigkeit mit Leichtigkeit und Freude verrichtet hat. Sie brachte nun die Wäsche zum Trocknen auf die Anhöhe. Ganz in der Nähe des Apfelbaums breitete sie die Laken über das hochstehende, verdorrte Gras, dass das Leinen trug, ohne das dieses mit dem Boden in Berührung kommen konnte und sauber blieb. Jetzt wusste ich warum die Bettwäsche so erfreulich nach Heu duftete.

Ich sah Mutter an – sie strahlte geradezu Freude aus. Ich dachte und fühlte damals etwas, was in Worte nicht fassen konnte, aber heute bezeichnen kann.

Ich sah die beglückende Leichtigkeit des Seins.

Ich durfte selbstverständlich alleine vom Hof gehen, aber für diesen Fall hatte Tetka mir einen strengen, engen Bewegungsradius gesetzt, so dass sie mich immer sehen konnte.

Ich konnte bis zur Quelle gehen und mein bevorzugter Ort war der Platz im Schatten des Apfelbaumes.

Die Hitzewelle hielt an und das Zirpen der Grillen war fantastisch. An jenem Tag ging ich vom Hof, aber in die andere Richtung. Schnell erreichte ich die Grenze meiner Bewegungsfreiheit, blieb stehen und war sehr erstaunt, als ich sah, das der Senke, in der der Hof lag, eine weitere Senke folgte. Ich sah hinunter und sah eine Reihe von Pappeln, die in gerader Linie nebeneinander standen. Ich dachte, vielleicht folgt diese Reihe dem Verlauf einer Straße oder einem Bach. Ich wäre sehr gerne hinunter gestiegen um diesen Ort, ganz weit unten in der nachfolgenden Senke zu erkunden. Aber es war absolut unmöglich, mich über Tetkas Anordnung hinwegzusetzen.

Warum dieser Ort meine Aufmerksamkeit so fesselte, weiß ich bis heute nicht.

Ich ging zurück zum Hof und fragte Tetka was dort unten sei. Tetka sagte nur, dort unten gäbe es weder eine Straße noch einen Bach.

Dann kam der Frühherbst. Unsere Rückreise nach Belgrad stand kurz bevor und ich mochte diese Zeit sehr und wiederum auch nicht. Ich mochte sie wegen der Naturschauspiele, die sie bot und wegen der kurz bevorstehenden Rückreise gar nicht.

Ich war noch einmal an diesen Ort gegangen, von dem aus ich in die nachfolgende Senke sehen konnte. Ganz weit unten sah ich diese Pappeln und dachte – jawohl, wenn ich das nächste Mal herkomme, werde ich hinuntersteigen zu den Pappeln, die mich magisch anzogen.

Damals wusste ich nicht, dass es das letzte Mal war, das ich bei Tetka auf dem Hof war. Und bis auf den heutigen Tag weiß ich nichts über diesen Ort, an dem die Pappeln standen.

Jetzt bin ich wieder hier, in der Gegenwart. Es ist wie gewöhnlich. Durch das geöffnete Fenster höre ich das Brüllen des Verkehrs und der Frühling duftet nicht. Es hat sich nichts verändert.

Aber dann denke ich – ich habe zumindest die Erinnerung an eine gottgegebene, unberührte Gegend. Und irgendwie bin ich sicher – ich werde erneut hören

Das Zirpen der Grillen

Dinarin Aleksandar           im Zeichen der Wahrheit“

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