Fred Maintz: „Kritik an der herrschenden Vergötterung der Arbeit als Selbstzweck“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

soeben erreicht uns als Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis (AK) ein weiterer Beitrag des Kollegen Fred Maintz (http://www.ak-gewerkschafter.de/?s=fred+maintz).

 Dieser schickt uns unter dem Titel „Kritik an herrschender Vergötterung der Arbeit als Selbstzweck“ überlegungswerte Sätze, die wir nachstehend auf unsere Homepage gepostet haben. Es würde uns freuen, wenn daraus eine konstruktive Diskussion entstünde.

Für den AK Manni Engelhardt –Koordinator-

Fred Maintz teilt mit:.

**Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ein interessanter kritischer Beitrag zur herrschenden Vergötterung der
Arbeit als purem Selbstzweck:

Die meisten Arbeitsprogramme für Erwerbslose gehören als das bezeichnet,
was sie sind, nämlich Konservierung der Arbeit als Herrschaftsinstrument. Den
Nationalisten gelang es stets, die entfremdete Arbeit zu erotisieren, um
der Arbeitslosigkeit Herr zu werden: die Förderung der Arbeit als “Arbeit
an sich“.

Der nationale Gründer-Mythos “deutsche Arbeit“ galt als Ort der “Unschuld“.
Mit Luther und Hitler: Nicht was, sondern Hauptsache Arbeit, auch wenn sie
quer subventioniert wird und vollkommen sinnlos ist, Hauptsache die Leute
sind beschäftigt. In der heutigen Armutsindustrie sollen sie ihren
Lebensberechtigungsschein erarbeiten; natürlich gelten dort die
Bürgerrechte nicht, dort gilt das Strafgesetzbuch SGB II. Wer an diesem
Konstrukt verdient, braucht wohl hier nicht erörtert zu werden? Nur so
viel: die Armutsindustrie macht mittlerweile einen Jahresumsatz von 6,6
Milliarden €.

Wenn man schon so geil darauf ist, das Herrschaftsinstrument Arbeit
konserviert zu sehen, dann soll man besser Verhältnisse schaffen wie in der
DDR; diese Menschen hatten wenigstens ausnahmslos einen Urlaubsanspruch,
Rentenanspruch, nicht allzu viel Arbeitsstress, sie waren sozialtariflich
abgesichert – und Leiharbeitsfirmen sowie Sanktionen unterhalb des
Mindestlohns wie bei Hartz 4 gab es auch nicht. Und die Plan-Vorgaben einer
Polit-Bürokratie sind in der Regel auf Dauer auch weniger stressig und
gesundheitsschädlich (vor allem, wenn man sie selbst mit nicht allzu viel
Arbeit beeinflussen kann) als die ständigen „Arbeitsoptimierungen“ zur
kapitalistischen Gewinnmaximierung.

Napoleon brachte schon folgende Gedanken zu Papier:

»Je mehr meine Völker arbeiten, umso weniger Laster wird es geben«,
schrieb er am 5. Mai 1807 aus Osterode. »Ich bin die Autorität, … und ich
wäre geneigt zu verfügen, dass Sonntags nach vollzogenem Gottesdienst die *)
Werkstätten wieder geöffnet werden und die Arbeiter wieder ihrer
Beschäftigung nachgehen sollen.«

Im Gegensatz dazu war der Zweck der Arbeit für Aristoteles stets die
Nicht-Arbeit. Arbeiten, um Arbeit zu sparen. Ein Werkzeug wurde erfunden,
um die anstehende mühselige Hand-Arbeit so knapp wie möglich ausfallen zu
lassen. Bedeutung gewinnen diese Worte erst, wenn man bedenkt, dass sich
heute die Zweck-Mittel-Relation der Arbeit ins genaue Gegenteil verwandelt
hat. Heute ist Arbeit immer weniger Mittel, sondern Zweck. Arbeit findet
statt, damit weitere Arbeit stattfindet. Der Ausgangspunkt für Arbeit ist
in den seltensten Fällen ein sich aufdrängender Mangel, ein Missstand,
irgendetwas also, das zu einer bewussten Entscheidung für den Einsatz von
Arbeit führt. Wer schon mal jemanden kennengelernt hat, der sich
selbstständig machen will, aber noch nicht weiß, mit welcher Idee, dem wird
der Gedanke nicht so fern liegen, dass wir letztlich in einer Gesellschaft
leben, die einer gigantischen Arbeitserfindungsanstalt gleichkommt.

In einer Fernsehdebatte präsentierte vor nicht allzu langer Zeit der
Arbeitsmarktforscher Meinhard Miegel vom Bonner Institut für Wirtschaft und
Gesellschaft die an sich sympathische Idee, die Deutschen könnten doch auf
eines ihrer liebsten Hobbys, die Gartenarbeit, verzichten. Allerdings allen
Ernstes, nicht um endlich mal mehr wilde Gärten oder weniger Rasenmäher-Lärm
zu genießen, sondern um »neue Beschäftigung« (also Lohnarbeit statt
häusliche Gartenarbeit) zu ermöglichen.

Der langjährige „wissenschaftliche“ Berater des »Bündnis für Arbeit«,
Wolfgang Streeck vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung
plädierte jüngst in einem Gewerkschaftsmagazin (!) für den weiteren Ausbau
des Niedriglohnsektors mit folgenden Worten:
„Ob eine Beitragsentlastung geringerer Einkommen dazu führt, dass noch mehr
Hamburger gegessen werden, geht den Arbeitsmarktpolitiker nichts an; über
Geschmack sollte er nicht streiten. Wer erst politisch klären will, was
`gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeit` ist, um dann für diese
`Arbeitsplätze einzurichten`, der mag es gut meinen. Das ist aber schon das
Beste, was man über ihn sagen kann.“

Deutlicher kann die Absurdität eines selbstbezüglichen Systems »Arbeit«
eigentlich nicht auf den Begriff gebracht werden. Hauptsache Arbeit. Was,
wie und warum gearbeitet werden soll, hat nicht zu interessieren.

Fred Maintz**

*) Nachstendes Bild hat der AK-Koordinator angefügt:

http://gutezitate.com/zitate-bilder/zitat-gott-hat-der-tugend-zur-schildwache-die-arbeit-gesetzt-napoleon-bonaparte-260595.jpg

Share
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.