Kollege Fred Maintz informiert über das „Duisburger Modell“ und über schwere Vorwürfe nach Obdachlosen-Tod!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
 
soeben haben wir als Gewerkschafter/Innen-Arbeitskreis (AK) eine bittere Mitteilung des Kollegen Fred Maintz (http://www.ak-gewerkschafter.de/?s=fred+maintz) erhalten.
 
Darin berichtet Fred über das „Duisburger Modell“ und weist auf schwere Vorwürfe nach Obdachlosen-Tod hin.
 
Wir haben die komplette Mitteilung nachstehend auf unsere Homepage gepostet und in der Kategorie „SOZIALPOLITIK“ (http://www.ak-gewerkschafter.de/category/sozialpolitik/) archiviert.
 
Für den AK Manni Engelhardt -Koordinator-
 

*******************************************************

Kollege Fred Maintz informiert:

 
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
 
2 Dinge, die nur scheinbar nicht zusammenpassen: einerseits das von der Stadt Duisburg vielgepriesene „Duisburger Modell“ zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit, andererseits der aktuelle Tod eines Betroffenen und die damit einhergehenden (ich denke berechtigten) Vorwürfe des „Paters Oliver“ (Sozialpastorales Zentrum einschließlich Verarztung von Nicht-Krankenversicherten und Obdachlosen) an die Stadt Duisburg. Warum wundert mich das nicht? Weil ich weiß, daß vor allem seit Hartz 4 es häufig nicht mehr reicht, offensichtlich mittellos zu sein, um bloße Überlebenshilfe gewährt zu bekommen. Krank, schlapp, passiv ….. zu sein kann in Zeiten des Sozialkahlschlags gnadenlos härter bestarft werden als zich Leute Krankenhaus-reif zu prügeln. Da macht Duisburg keine Ausnahme, sondern sogar eher im Gegenteil (das Duisburger Jobcenter zum Beispiel war im letzten Jahr das bundesweit Sanktions-wütigste mit der Folge von Hunger am Monatsende, Stromsperren, Zwangsumzügen usw.).
 

Mit kollegialen Grüßen

 
Fred Maintz
 

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Archivbild  (AFP or licensors)
 
D: Schwere Vorwürfe nach Obdachlosen-Tod in Duisburg
 
In einem Schlafcontainer der Gemeinde St. Peter in Duisburg Marxloh ist am Wochenende ein Obdachloser tot aufgefunden worden. Der Pfarrer der Gemeinde sieht dahinter ein größeres Problem – und erhebt Vorwürfe gegen die Stadt Duisburg. Unsere Kollegen vom Kölner Domradio haben mit Pfarrer Oliver Potschien gesprochen.
 
LESEN SIE AUCH
 

08.06.2020

Pater Oliver Potschien (Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Peter in Duisburg-Marxloh):

Pater Oliver Potschien (Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Peter in Duisburg-Marxloh):

Was genau ist am Wochenende passiert?

Pater Oliver Potschien (Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Peter in Duisburg-Marxloh): Am Samstagmorgen ist der schlimmstmögliche Fall eingetreten, den wir uns immer ausgemalt haben: Dass einer unserer Bewohner tot im Bett lag. Der Punkt ist: Der Tote von Samstag wird nicht der letzte sein, weil wir viele Menschen haben, die schwer krank sind und die nicht vernünftig versorgt werden.

Zum Nachhören: https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2020-06/deutschland-schwere-vorwuerfe-obdachlosen-tod-duisburg-domradio.html?fbclid=IwAR3w1fpz_x1XZQ-C7kNuvbBTBH_n7E3yAP4NPuq3NPl4mr4DUIhi11tHmqY

Man hat den Eindruck, dass es eine Reihe von Menschen gibt, die durch die gängigen Konzepte fallen und einfach abgeladen werden. Die sind dann da und wir müssen gucken, wer sich um sie kümmert. Aber wir haben eben gesagt, wir kümmern uns selbstverständlich um die Menschen. Wir sind Kirche, das gehört klar zu unserem Auftrag. Die liegen dann im Container bei uns, und wir versuchen uns, uns um sie zu kümmern. Wir haben überlegt, dies eigentlich nur im Winter zu machen als Kälteschutz-Maßnahme. Aber mittlerweile sieht es so aus: Der Container ist rappelvoll und das ist eine Dauerbeschäftigung für uns. 

DOMRADIO.DE: Wer war der Mensch, den Sie da gefunden haben?

„Den kannte jeder in Marxloh“

Potschien: Das war ein Obdachloser, der so ein bisschen im positiven Sinne ein bunter Hund war. Den kannte jeder in Marxloh. Er war ein richtiger Sonnenschein, ein ganz lieber Mensch. Und das tut uns allen sehr, sehr leid. Es sind ganz viele Leute gekommen, die ihr Beileid bekundet haben, die ihm zwischendurch immer etwas zu essen gegeben hatten. 

DOMRADIO.DE: Sie haben einen Aufruf an die Stadt Duisburg geschrieben. Darin schreiben Sie, dass Sie gemeinsam mit Ihren Helferinnen und Helfern an Ihre Grenzen kommen, weil Sie seit drei Monaten rund um die Uhr in Marxloh tätig sind. Was genau machen Sie, wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?

Potschien: Wir haben gerade für die Obdachlosen verschiedene Angebote – von Duschen über Waschen bis zum Mittagessen. Die ganze Corona-Zeit hindurch haben wir warmes Mittagessen ausgegeben – aus dem Imbissanhänger am Kirchplatz heraus, damit wir die Abstandsregeln einhalten. Wir haben medizinische Versorgung, schauen, dass sie ihre Medikamente kriegen, organisieren Arzttermine, lassen eine Waschmaschine laufen – alles, was eben so dazugehört.

Und das ist alles gerade die letzten Monate sehr fordernd gewesen, weil viele unserer Ehrenamtlichen, die älter sind, nicht kommen konnten und das an sehr wenigen Leuten hängenblieb. Also, so eine Zeit möchte ich nicht noch einmal mitmachen.

„Dazu fällt mir nichts mehr ein – der Stadt offenbar auch nicht“

DOMRADIO.DE: Sie sagen, die Stadt Duisburg lässt die Obdachlosen im Stich. Inwiefern?

Potschien: Ja, ich habe schon vor längerer Zeit einen Hilferuf an die Stadt geschickt. Und da kommen dann so Sätze zur Antwort wie: Im Spannungsfeld dieser Problematik bedarf die institutionelle Entscheidung der sorgfältigen Abwägung aller relevanten Aspekte. Dazu fällt mir nichts mehr zu ein, der Stadt offensichtlich auch nicht, aber mir fällt gar nichts mehr dazu ein. Wir müssen uns doch anständig um die Menschen kümmern!

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich konkret von der Stadt Duisburg?

Potschien: Wir müssen uns an einen Tisch setzen und versuchen, dass wir für die Leute, die offensichtlich durch das Raster fallen, eine menschenwürdige Lösung finden. Der erste Schritt wäre, dass die Stadt Duisburg überhaupt erst einmal anerkennt, dass es ein Obdachlosen-Problem in Duisburg gibt. Das wäre vielleicht schonmal ein Anfang. Die Menschen bilde ich mir ja nicht ein, ich habe ja keine Halluzinationen, sondern sie sind sehr real.

Der erste Schritt wäre: Wir erkennen an, es gibt in Duisburg ein Problem mit Obdachlosen. Der zweite Schritt: Jetzt versuchen wir, das zu lösen. Das würde ich mir wünschen.

„Ein erster Schritt wäre: wahrnehmen, dass es Obdachlose gibt“

DOMRADIO.DE: Es ist ein Aufruf an die Stadt Duisburg. Wie kann der Einzelne bei der Lösung helfen?

Potschien: Ja, das ist immer eine komplizierte Frage. Es kann sich natürlich nicht jeder ehrenamtlich engagieren. Aber vielleicht kann man damit anfangen, wahrzunehmen, dass es Obdachlosigkeit gibt. Dass es Menschen gibt, die auf der Straße leben und die nicht gut klarkommen. Und mit ein bisschen gesundem Menschenverstand, ergeben sich dann Hilfsmöglichkeiten, die jeder Einzelne machen kann.

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

Share
Dieser Beitrag wurde unter Sozialpolitik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.